Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Aus der Region

Das gleiche Vaterunser

Christen in Ilsenburg auf dem Weg zu mehr Gemeinsamkeit

Auf dem Weg zu mehr Gemeinsamkeit: Katholische und evangelische Christen feiern in der Klosterkirche Ilsenburg einen ökumenischen Gottesdienst.

Ilsenburg -So viele Gottesdienstbesucher hat die alte Klosterkirche von Ilsenburg im Nordharz schon seit vielen Jahrzehnten nicht mehr erlebt: Rund 200 Christen evangelischen und katholischen Glaubens füllten am 27. Juni das an der "Straße der Romanik" gelegene Gotteshaus und feierten einen ökumenischen Gottesdienst als Schritt zu mehr künftiger Gemeinsamkeit.

Die Zusammenarbeit zwischen der evangelischen Kirchengemeinde Ilsenburg und dem katholischen Gemeindeverbund Wernigerode-Ilsenburg begann vor einem Jahr, mit der Feier des 1000-jährigen Jubiläums der Klosterkirche. Aus ersten Kontakten entstand damals die Idee, im Jahr 2005 das Fronleichnamsfest, das wohl "typischste" katholische Fest, gemeinsam zu feiern. Gemeinsam feiern heißt, "nicht nur als Gäste teilzunehmen, sondern das Fest und seine Ausgestaltung gemeinsam vorzubereiten", betont der evangelische Pfarrer Peter Müller. Und er gibt unumwunden zu, dass er "erst einmal schlucken" musste, als sein katholischer Kollege Reinhard Hentschel die Idee vorbrachte. Hinzu kam, dass sich nach Bekanntwerden der Pläne auf beiden Seiten auch kritische Stimmen erhoben. Vom "Verrat an Luther" war da auf der einen Seite und vom "Ausverkauf des wichtigsten Festes" auf der anderen zu hören. Also keine Entscheidung im ökumenischen Überschwang. Aber ein Vorhaben, das beide Gemeinden zur tieferen Auseinandersetzung über ihre eigenen Glaubensüberzeugungen und Rituale herausfordert. Und ein Projekt, das nach etlichen Gesprächen die Unterstützung sowohl des damaligen katholischen Magdeburger Bischofs Leo Nowak als auch des ebenfalls in Magdeburg sitzenden Bischofs der evangelischen Kirchenprovinz, Axel Noack, fand.

In diesem Jahr feierten die katholischen Christen das Fest erstmals seit 50 Jahren wieder in Ilsenburg. Die evangelischen Christen waren dazu zunächst als Gäste und Beobachter eingeladen. Sie erlebten mit, wie als Zeichen der Gegenwart Christi eine Hostie in feierlicher Prozession an verschiedenen Stationen vorbei durch die Stadt getragen wurde, begleitet von Liedern und Gebeten für die Stadt und ihre Menschen.

Dabei, so berichtet Müller, machten etliche Protestanten erstaunliche Entdeckungen: "Die Katholiken beten ja das gleiche Vaterunser und haben auch das Glaubensbekenntnis", habe so mancher erstmals bewusst wahrgenommen. Für Überraschung sorgte auch, dass manches Lied aus dem "Evangelischen Gesangbuch" auch im katholischen "Gotteslob" zu finden ist. "Das größte Problem sind die gegenseitigen Vorurteile und die Unkenntnis übereinander", konstatiert deshalb der evangelische Gemeindehirte. Der gemeinsame Gottesdienst und das anschließende Sommerfest dienten dazu, diese Unkenntnis weiter abzubauen. Denn: "Wir wollen auf jeden Fall auf dem gemeinsamen Weg bleiben", betont Müller. Als nächstes werden der evangelische Gemeindekirchenrat und der katholische Pfarrgemeinderat die bisherigen Erfahrungen auswerten. "Wenn die Kirchenältesten ihre Zustimmung geben, gehen wir in die konkrete gemeinsame Vorbereitung der Inhalte", beschreibt Müller den weiteren Weg.

Und wie will man mit dem größten Knackpunkt, der Frage des gemeinsamen Abendmahls beziehungsweise der Eucharistie umgehen? Bildet sie doch das Kernstück des Fronleichnamsfestes. Eine Verwischung der Unterschiede wird es nicht geben, versichern beide Pfarrer.

"Aber eine Abendmahlsfeier an getrennten Altären, doch unter einem Dach im gleichen Kirchenraum wäre ein wichtiger Schritt", meint Müller.

Unter dem Dach der alten, sonst als Museum genutzten Benediktinerbasilika war am Tag des ökumenischen Gottesdienstes bereits etliches in höchst harmonischer Form vereint. Ob es der gemeinsame Gesang eines Paul-Gerhardt-Liedes oder das "Ave-Maria" des stimmgewaltigen und im Blick auf Geschlecht und konfessionelle Herkunft doppelt gemischten Chores war: Der Gottesdienst zeigte: Hier machen sich Christen über konfessionelle Grenzen hinweg auf die Suche nach Wegen zum gemeinsamen öffentlichen Zeugnis.

Harald Krille,
Chefredakteur der gemeinsamen Redaktion der evangelischen Kirchenzeitungen

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 28 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 08.07.2004

Aktuelle Buchtipps