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Auf zwei Minuten

Betroffen sein

Ein Beitrag von Pater Damian Meyer

Pater Damian

Täglich überfluten uns in den Medien Nachrichten von blutigen Attentaten mit vielen unschuldigen Opfern, von schweren Verkehrsunfällen, von Katastrophen, von Flüchtlingselend und Hungersnot. Wenn diese Ereignisse nicht in unserer Nachbarschaft, sondern fernab geschehen und wir keine der Opfer kennen, vergessen wir sie schnell. Am nächsten Tag werden wir ja mit Ereignissen ähnlicher Art konfrontiert. Wir können nicht anders als Abstand davon zu nehmen. Würde uns die Tragik all dieser einzelnen Menschen ans Herz gehen, könnten wir vor Trauer und Leid nicht leben. Damit will ich nicht sagen, dass wir keine Verantwortung tragen, wenn Kinder in Afrika verhungern. Die großen Hilfsorganisationen appellieren ja auch immer wieder an unsere Hilfsbereitschaft

Der Schriftsteller Günther Anders zeigt in einer Parabel, dass es Mut braucht, dem Leid und Unglück hautnah zu begegnen: "Als Frau Glü von dem höchsten Aussichtsturme aus in die Tiefe hinabblickte, da tauchte unten auf der Straße, einem winzigen Spielzeug gleich, aber an der Farbe seines Mantels unzweideutig erkennbar, ihr Sohn auf; und in der nächsten Sekunde war dieses Spielzeug von einem gleichfalls spielzeugartigen Lastwagen überfahren und ausgelöscht - aber das Ganze war doch nur eben die Sache eines unwirklich kurzen Augenblickes gewesen, und was da stattgefunden hatte, das hatte doch nur zwischen Spielzeugen stattgefunden. "Ich geh nicht hinunter!" schrie sie, sich dagegen sträubend, die Stufen hinabgeleitet zu werden, "ich geh nicht hinunter! Unten wäre ich verzweifelt!"

Die Parabel zeigt: Der ,,Blick vom Turm" - und so auch die Nachricht in den Medien - hat etwas Unwirkliches, Distanziertes an sich und führt noch nicht zur persönlichen Begegnung. Betroffenheit und Mitleid entstehen in der unmittelbaren Begegnung mit den Opfern von Leid und Unglück.

Wir sehen das auch am Beispiel von Jesus. An mehreren Stellen wird berichtet, dass Jesus bei der Heilung von Kranken ihnen ganz nahe kommt. Er ist betroffen, hat Mitleid mit ihnen. Er kennt keine Berührungsängste: ,,Ein Aussätziger kam zu Jesus ...Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn ..." (Mk 1,40-41). Und: "Jesus nahm den Blinden bei der Hand, führte ihn vor das Dorf hinaus, bestrich seine Augen mit Speichel, legte ihm die Hände auf." (Mk 8,23).

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 25 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 17.06.2004

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