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Böhmisches Gemüt, preußische Ordnung

Görlitzer Bischof Rudolf Müller wird 70 Jahre alt

Bischof Rudolf Mueller Görlitz - Zu den bekanntesten Bischöfen in Deutschland gehört Rudolf Müller sicher nicht. Damit geht es ihm wie dem Diaspora-Bistum Görlitz im Osten Brandenburgs und Sachsens, das er seit 1994 leitet. Weithin unbemerkt ist Müller seither jedoch zu einem wichtigen Verbindungsmann zwischen der Kirche in Deutschland und in Polen geworden. Am 24. Juni feiert der gebürtige Niederschlesier seinen 70. Geburtstag.
In seinem Büro in einer Görlitzer Gründerzeit-Villa waltet Müller unter den Augen gleich mehrerer Erzbischöfe und Kardinäle seines Amtes. An den Wänden hängen Porträts von Oberhirten des früheren Erzbistums Breslau, auf dessen westlichem Teilgebiet diesseits von Oder und Neiße das jetzige Bistum Görlitz liegt. Das historische Erbe des alten Erzbistums zu bewahren, ist Müller eine selbstverständliche Pflicht.
1931 im heute polnischen Teil Schlesiens geboren, fühlt sich Müller immer noch durch die alte Heimat wesentlich geprägt. "Ein gutes Gemisch aus böhmischem Gemüt und preußischer Ordnung", bringt der Kaufmannssohn seine niederschlesischen Wurzeln auf den Begriff. In der Kirche seines Heimatortes Schmottseiffen lernte er das Orgelspiel, das zu einem seiner Hobbys wurde. Mit fünf Orgelpfeifen in seinem Bischofswappen hat er seine Wertschätzung der Kirchenmusik dokumentiert.
Auch das andere Motiv seines Wappens, der Wanderstab der Pilger zum spanischen Wallfahrtsort Santiago de Compostela, ist für Müller Programm. Jahrhundertelang war Görlitz eine der Hauptstationen auf der Reiseroute der osteuropäischen Santiago-Pilger und buchstäblich eine Brücke zwischen Ost und West. Das sollen die Neiße-Stadt und das gleichnamige Bistum nach dem Willen Müllers auch in Zukunft wieder werden. Dabei hat er Rückendeckung "von ganz oben", wie er lachend anmerkt. Papst Johannes Paul II. legte Müller diese Mittlerfunktion persönlich ans Herz, als er ihn nach verschiedenen Einsatzfeldern in Seelsorge und Bistumsverwaltung vor sieben Jahren zum Nachfolger von Bischof Bernhard Huhn bestimmte.

Seither ist Müller regelmäßig mit seinen grenznahen polnischen Amtsbrüdern in Kontakt; zudem hat er mehrfach die Deutsche Bischofskonferenz in Polen vertreten. Auch in seinem Bistum fördert Müller die Kooperation von Priestern und Laien mit den Christen im Nachbarland; am bekanntesten sind die grenzüberschreitenden Fronleichnamsprozessionen deutscher und polnischer Katholiken.

Bei aller Orientierung nach Osten ist Müller jedoch durchaus nicht nur auf diese Himmelsrichtung fixiert: Im August nimmt er mit anderen Bischöfen an einem Programm des Hilfswerks Adveniat in Guatemala teil. Dort lebt er dann zwei Wochen lang in einer einheimischen Familie, will die Seelsorge in Basisgemeinden des mittelamerikanischen Landes kennen lernen. Dabei, so seine Hoffnung, kann er neue Anregungen für die Pastoral zu Hause erhalten.

Georg Krumpholz (kna)

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 25 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 21.06.2001

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