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Bistum Görlitz

Allen Widerständen zum Trotz

Gemeinde Eisenhüttenstadt feiert zwei Jubiläen

Blick auf bewegte Geschichte: Alte Zeitungsartikel auf einer Litfaßsäule riefen bei Besuchern die letzten Jahrzehnte in Erinnerung.

Eisenhüttenstadt (ks /tdh) -"Diese neue Stadt hat keine und wird auch in Zukunft keine Kirchtürme brauchen", verkündete Walter Ulbricht 1953 anlässlich der Namensgebung von "Stalinstadt" -doch er irrte. Denn zu Pfingsten feierte die katholische Gemeinde von Eisenhüttenstadt (früher Stalinstadt) nun ihr 50-jähriges Bestehen und den zehnten Weihetag ihrer Kirche. Bischof Rudolf Müller drückte es in seiner Ansprache so aus: "Eurem schmucken Kirchlein, das ich wegen seiner schönen Holzschnitzereien immer wieder gern besuche, sieht man es wahrlich nicht an, was für bewegte Zeiten zuvor die kleine Schar der Gläubigen in Eisenhüttenstadt durchmachen musste".

Und die Erinnerungen an diese schweren Zeiten zog sich durch den ganzen Festtag. Der Pfarrer von Eisenhüttenstadt, Winfried Pohl erinnerte in seiner Begrüßung an Priesterpersönlichkeiten, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Boden bereiteten, so dass gleichzeitig mit dem Bau der Stadt kirchliches Leben entstehen konnte. Die Namen Dr. Paul Schimke als erster Seelsorger in Stalinstadt, Clemens Zimmermann, Pfarrer von Fürstenberg und Franz Langer, Pfarrer von Neuzelle nannte er stellvertretend für alle Seelsorger.

Stalinstadt sollte das atheistische Aushängeschild der DDR werden. Entsprechend wurden die Christen drangsaliert und bespitzelt. Prälat Karl-Heinz Morawietz, ehemaliger Pfarrer der Gemeinde und Hauptzelebrant des Festhochamtes, erinnerte an den Unglauben, der in der Stadt ganz offenkundig gewirkt hat, und wo trotzdem "Menschen den Glauben bewahrt haben". Er ermutigte "heute wieder einen neuen Anfang" zu wagen.

Die erste Barackenkirche entstand unter größten Schwierigkeiten an der Diehloer Straße. Zwar noch nicht ganz fertig, feierte die Gemeinde hier ihr erstes festliches Levitenamt Pfingstmontag 1954. Doch schon 1958 musste sie das Kirchengrundstück wieder hergeben. Das Gelände war zum Aufbaugebiet erklärt worden. Nach langem Hin und Her erhielt die Gemeinde das jetzige Grundstück an der Friedensstraße zum Tausch. Die alte Barackenkirche samt nebenstehendem Glockenturm wurde umgesetzt. Über 30 Jahre später war die Bausubstanz verschlissen und die Kirche wurde baupolizeilich gesperrt. Nach Abriss und Neubau weihte Bischof Rudolf Müller im August 1994 die neue Kirche "Heilig Kreuz" ein.

Diese bewegte Geschichte wurde für die Jubiläumsfeierlichkeiten auf einer Litfaßsäule dokumentiert. Junge und alte Leute umlagerten dieses Zeugnis ihres eigenen Gemeindelebens. Gedanken kamen auf: Elke Grune (50) erinnerte sich etwa an den Abriss der Kirche und erzählte wie sie und ihre Kinder von Spitzeln nach dem Gottesdienst bis zu ihrer Wohnung regelrecht verfolgt wurden. Otto Schmidt (52) zeigte stolz auf das Portal der Barackenkirche, an dessen Überdach er die Zinkblecharbeiten ausgeführt hatte. Noch weit in den Nachmittag hinein tauschten Gäste und Gemeindemitglieder ihre Erlebnisse aus.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 25 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 17.06.2004

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