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Aus der Region

Eine hohe Rendite allein genügt nicht

Guardini-Lectures 2004: Paul Kirchhof sprach über den Sozialstaat und das Geld

Paul Kirchhof

Berlin (tdh) - "Unser Land ist nach 15 Jahren Wiedervereinigung erschöpft. Aber wir müssen jetzt die Kraft aufbringen, die inneren Reformen Deutschlands - besonder im Arbeits-, Sozial- und Steuerrecht - energisch vo-ranzubringen. Das sind wir der nächsten Generation schuldig." Mit diesen unmissverständlichen Worten forderte Verfassungsrichter Paul Kirchhof zum Abschluss der Guardini-Lectures 2004 die Verantwortlichen im Land auf, das Ihre zu tun.

Dem "Reformer des Jahres" - ein Titel, der ihm von der Frankfurter Allgemeinen Ende 2003 verliehen wurde - war es in seiner vierteiligen Reihe mit lebendiger Sprache und anschaulichen Bildern gelungen, rund 650 Interessierte für seine Überzeugung zu gewinnen, dass der Verfassungsstaat kein Auslaufmodell oder Bremsklotz für freie Bürger ist. Wie die lebhafte Resonanz von Hörern und Medien belegt, ist es den von zahlreichen Interessierten auch außerhalb der Humboldt-Universität beachteten Guardini-Lectures auch in diesem Jahr gelungen, zentrale gesellschaftliche Fragen aus christlicher Sicht in den Blick zu nehmen. Die als Gemeinschaftsprojekt von Katholischer Studentengemeinde und Katholischer Akademie in Berlin ausgerichteten Lectures standen diesmal unter dem Thema "Der Staat - eine Erneuerungsaufgabe".

Kirchhof, der Direktor des Instituts für Finanz- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg ist und damit ausgewiesener Experte für die Thematik, sprach nicht bloß über Zahlen und Bilanzen, sondern zugleich über "Freiheit", "Gerechtigkeit" und "Gott". Damit griff er jenen Gedanken auf, der den Vorlesungen im Geist des katholischen Religionsphilosophen Romano Guardini seit Ende 1989 zugrunde liegt: Sprachlosigkeit zu durchbrechen und den Glauben wieder an Berlins zentraler Hochschule ins Gespräch zu bringen

Der Referent nahm kein Blatt vor den Mund, als er in seinen Überlegungen zum "Sozialstaat und das Geld" auf die horrenden Staatsschulden der Bundesrepublik von über 1,3 Billionen Euro verwies. Die Lasten dieser Schulden schränkten die Möglichkeiten des Staates bereits heute stark ein und führten zu einer "unverantwortlichen Bürde für unsere Kinder und Kindeskinder." Der Steuerfachmann kritisierte in diesem Zusammenhang fehlende Strukturen von Verantwortlichkeit und eine damit verbundene Anonymisierung von Eigentum auf dem Kapitalmarkt. "Es kann doch nicht nur darum gehen, die Rendite immer weiter zu steigern." Trickreich bedienten sich die Unternehmen aller steuerrechtlichen Möglichkeiten, um möglichst nichts zu zahlen. Wie Recht Kirchhof mit seiner Analyse hat, stellt soeben der Konzern Vodafone unter Beweis: Er will 50 Milliarden Euro abschreiben, um in Deutschland auf Jahre hin keine Steuern zu zahlen.

Nach der letzten der vier Vorlesungen Kirchhofs wurde auch der Bildungsreferent der Studentengemeinde und Begründer der Guardini-Lectures, Dr. Thomas Brose, verabschiedet. Er gehört zu denjenigen, deren Stelle aufgrund der Sparmaßnahmen im Erzbistums Berlin gestrichen worden ist.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 25 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 17.06.2004

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