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Die Wissenschaft konnte Gott nicht töten

Tag der Akademie in Magdeburg fragte nach der "Wiederkehr der Religion"

Magdeburg (mh) -Wissenschaft und Vernunft konnten Gott nicht töten: Trotz zweieinhalb Jahrhunderten Aufklärung und Religionskritik gibt es heute weltweit einen Aufschwung des Religiösen. "Wer gedacht hatte, die Religion habe sich erledigt, muss hinzulernen. Das Religiöse kehrt wieder", sagt die Dresdner Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz in Magdeburg beim diesjährigen Tag der Akademie. Alle großen Religionen hätten im Weltmaßstab gesehen in den letzten Jahrzehnten ihre "Vitalität gehalten oder gesteigert".

Eine Ausnahme in dieser Entwicklung spielt der europäische Kontinent. Mit Ostdeutschland und Tschechien gibt es hier die beiden am stärksten von Religionslosigkeit geprägten Gebiete der Welt. Und auch in traditionell christliche geprägten Landstrichen etwa in Österreich und Südtirol gibt es gegenwärtig beispiellose Einbrüche, sagte Gerl-Falkovitz. Die Ursache dafür sieht sie in der "katastrophalen Entwicklung" im Europa des 20. Jahrhunderts, insbesondere durch die beiden Weltkriege.

Neben einer allgemeinen Wiederkehr des Religiösen beobachtet Gerl-Falkovitz eine "Wende in den Köpfen der Intellektuellen", auch der nicht christlichen. Die Forderung der Religionskritiker wie Marx und Nietzsche, die Religion habe zu verschwinden, sei ein unerfüllter Wunsch. "Die Vorstellung, dass die Wissenschaft Gott absetzt, ist heute Unsinn." Die Zeit der plumpen Alternativen -Wissenschaft oder Glaube, Vernunft oder Religion -ist vorbei: "Bertold Brechts Satz ,Unter den schärferen Mikroskopen schwindet Gott' ist heute lächerlich." An die Stelle der Religionskritik trete eine Kritik der Vernunft. Gerl-Falkovitz: "Wer heute Aufklärung betreibt, müsse nicht das Unvernünftige in den Blick nehmen, sondern die Vernunft und ihre Grenzen." Allerdings ist diese Rationalitätskritik nicht automatisch mit der Wiederkehr des Religiösen verbunden, aber: "Offensichtlich gibt es kritische Punkte, an denen Vernunft und Wissenschaft nicht weiterhelfen." Diese Veränderungen sind für Gerl-Falkovitz Anlass zur Hoffnung auch für Europa, "dass sich auf lange Zeit das Religiöse wieder in der Breite stabilisiert".

In der nicht christlichen Philosophie gibt es inzwischen zahlreiche Strömungen, in denen Gott eine Rolle spielt. Ein Grund dafür seien Ereignisse, die den Menschen zeigen, dass sie sich ihrer Vernunft nicht sicher sein können, wie die Attentate vom 11. September 2001 oder der Tag der Maueröffnung 1989. "Plötzlich geschieht etwas, was das gesamte Geschichtsbild zerreißt. Und diese Erdbeben sind Spuren des Heiligen."

Solche Ereignisse führen auch im Denken mancher Philosophen zu einer Wende. Für Gerl-Falkovitz ist ein Beispiel dafür Jürgen Habermas. Er habe die Hauptaufgabe der Philosophie darin gesehen, Gerechtigkeit zu schaffen. Die Ereignisse des 11. September 2001 hätten ihn zu der Erkenntnis geführt, dass die Philosophie die Hoffnung auf Gerechtigkeit für alle Opfer der Geschichte nicht erfüllen könne. Hier habe die Religion etwas Einzigartiges: "Gerechtigkeit geht nicht ohne Auferstehung. Und die verlorene Hoffnung auf Auferstehung hinterlässt eine spürbare Leere."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 25 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Dienstag, 15.06.2004

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