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Bistum Erfurt

Klartext für Frauen und Männer

Traditionelle Wallfahrten im Klüschen und auf dem Kerbschen Berg

Zeit für deutliche Worte: Bischof Wanke predigt vor 15 000 Männern im Klüschen Hagis.

Klüschen Hagis / Kerbscher Berg (ck / tdh) -Ost- und Westdeutsche sollen sich nach den Worten von Bischof Joachim Wanke nicht gegeneinander ausspielen lassen. Gleichwertige Lebensbedingungen, Überwindung von krassen Ungleichheiten, der Abbau von Benachteiligungen von Menschen und Regionen sowie die besondere Zuwendung, die Schwache und Benachteiligte brauchen, müssen grundlegende Ziele einer gesamtdeutschen Politik sein. Denn das seien Ziele, die nicht nur den Osten Deutschlands betreffen, sondern die für ganz Deutschland Gültigkeit haben, betonte Wanke in seiner Predigt während der diesjährigen Männerwallfahrt. Weit über 15 000 Wallfahrer waren dazu am Himmelfahrtstag zum Klüschen Hagis gekommen.

Nur wenige Tage später, am Sonntag nach Himmelfahrt, wandte sich der Bischof auch mit deutlichen Worten an die Teilnehmerinnen der Frauenwallfahrt zum Kerbschen Berg. "Der Bischof soll mit uns Frauen nicht so vorsichtig umgehen", das habe man an ihn herangetragen, begann Wanke seine Predigt. Bei der Männerwallfahrt habe er immer Klartext geredet, das solle er auch auf dem Kerbschen Berg tun und nicht nur vom Evangelium sprechen. "Als ob das Evangelium nicht politisch genug wäre! Sorgt euch um das Leben. Ist das zu unpolitisch?", fragte Wanke.

"Ost und West nicht gegeneinander ausspielen"

Vor den Männern im Klüschen Hagis bemängelte der Bischof, dass man aus den Diskussionen in den letzten Wochen den Eindruck gewinnen könne, dass die Entwicklung im Osten Deutschlands allein für die gegenwärtigen Probleme in Deutschland verantwortlich sei und mahnte an: "Auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten sollten wir am Bemühen um eine weitere Vertiefung der deutschen Einheit festhalten. Es hilft uns nicht weiter, Ost und West gegeneinander auszuspielen. Das gilt übrigens auch für das seit dem 1. Mai größer gewordene Europa."

Der Osten wolle arbeiten, wenn man ihn nur ließe, sagte der Bischof unter Beifall. "Es kann doch nicht sein, dass unsere Kinder alle nach Bayern und Baden-Württemberg oder sonst wohin auswandern müssen und in diesem Land die Betriebe dichtmachen? Wir haben gemeinsame Probleme in Deutschland! Wir sollten sie gemeinsam lösen, nicht gegeneinander."

"Ich wehre mich dagegen, wenn grundlegende Probleme unseres Landes allein auf den Osten abgeladen und ihm als Verursacher zugerechnet werden. Die Menschen in den neuen Bundesländern und auch in unserem Freistaat haben in den letzten 15 Jahren große Veränderungen bewältigt und viel geleistet. Jeder von uns steht in seiner Weise in spezifischer Verantwortung für das Gemeinwohl. Enttäuschungen und Schwierigkeiten dürfen nicht dazu führen, sich ins Private zurückzuziehen. "Was für unseren Glauben gilt -Ihr seid zur Freiheit berufen! -das hat auch eine gesellschaftliche Dimension. Ihr seid zur Wahrnehmung und Gestaltung der Freiheit in unserem gemeinsamen Vaterland berufen!"

Mit Blick auf die bevorstehenden Wahlen mahnte Bischof Wanke: "Wer durch Nichtwählern Denkzettel verteilen will, stärkt Extremisten, die wir in unserem Land nicht brauchen. Mit der Wahrnehmung meiner Stimmabgabe bei den anstehenden Wahlen übernehme ich Mitverantwortung für die Gestaltung unseres Gemeinwesens. Es gilt auch hier wie sonst das Wort des Apostels Paulus: ,Prüfet alles, das Gute behaltet!' Und zu dem Guten zähle ich alles, was unsere Ehen und Familien stärkt, was unsere Kinder schützt vor Verführung, was die Ehrfurcht vor dem Leben fördert und auch -was Arbeitsplätze schafft!"

"Stellt euch entscheidend vor das Leben!"

An der Frauenwallfahrt zum Kerbschen Berg nahmen zahlreiche Gruppen der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) aus dem Bistum Erfurt teil. Sie feiern in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen. Sie und die anderen Wallfahrerinnen wies der Bischof auf die Kernbotschaft des Evangeliums hin: "Stellt euch entscheidend vor das Leben. Das menschliche Leben hat keinen Zweck, es hat seinen Wert in sich selbst und aus sich heraus." Die Dringlichkeit diesder Aufforderung führte der Bischof mit Zahlen aus der Statistik vor Augen: "4494 Abtreibungen 2003 allein in Thüringen sind 4494 Abtreibungen zu viel!" Lediglich 73 seien auf eine medizinische Notlage zurückzuführen gewesen. "Meine Bitte an euch: Haltet das Leben heilig, sorgt dafür, dem Leben eine Chance zu geben, stellt euch entscheidend vor das Leben."

Mit Blick auf vielfältige Sehnsüchte, die Menschen in ihrem Leben haben, betonte der Bischof: "Lebt hier und heute euer Leben!" Besonders machte er denen von Arbeitslosigkeit Betroffenen Mut: "Auch wenn in der Familie knapp gerechnet werden muss: Das Falscheste, was du tun kannst, ist dich zurückzuziehen, dich zu schämen. Sag dem Lehrer: Unser Kind kann nicht mit nach Paris auf Klassenfahrt gehen. Könnte nicht auch eine Wanderung im Dün reichen? Widersetzt euch dem Druck, der mit überzogenen Standards Minderwertigkeitskomplexe schafft."

Am Ende seiner Predigt rief Bischof Wanke auch die Teilnehmerinnen der Frauenwallfahrt dazu auf, zur Wahl zu gehen und diejenigen zu unterstützen, "die die Familien stärken und die Ehrfurcht vor dem Leben schützen wollen".

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 23 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 03.06.2004

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