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Bistum Dresden-Meißen

Gemeindeleben mit Herz

100 Jahre katholische Gemeinde in Leipzig-Lindenau

Gespräche auf der Straße: Die historische Aufnahme, die 1983 anlässlich des 75. Kirchweihfestes entstand, zeigt eine Situation, die noch heute typisch ist für die Lindenauer Gemeinde. Nach dem Gottesdienst drängt man sich, da es keinen Kirchhof gibt, auf dem Bürgersteig.

Leipzig (dw) -"Hier ist meine geistige Heimat." "Ich habe nie zur Pfarrei Lindenau gehört, aber immer von ihr gelebt". "Auch jetzt gehöre ich zu einer sehr lebendigen Gemeinde, aber hier finde ich wie nirgends sonst das Wort verwirklicht: Seht, wie sie einander lieben." "In Lindenau habe ich gelernt, wie man Gemeinde aufbaut." -Viele Gemeindemitglieder und auch Ehemalige, die es mittlerweile in alle Himmelsrichtungen zerstreut hat, brachten aus Anlass des 100- jährigen Bestehens der Liebfrauen- Gemeinde im Leipziger Stadtteil Lindenau ihre Verbundenheit zum Ausdruck. Gelegenheit dazu bot ganz besonders das Philipp-Neri-Fest am 26. Mai. Das Oratorium des heiligen Philipp Neri, dessen Priester die Gemeinde seit 1931 leiten und prägen, hatte an seinem Patronatstag zu einer Messfeier mit anschließendem Gedankenaustausch über das Miteinander von Gemeinde und Oratorium eingeladen.

Der langjährige Pfarrer Clemens Rosner erinnerte dabei an die Anfänge des Oratoriums: 1930 war es von Priestern gegründet worden, die sich während ihrer Studienzeit in Innsbruck für liturgische Erneuerungsideen und andere Reformanliegen erwärmt hatten, die Rosner mit dem Begriff "Seelsorge mit Herz" auf den Punkt brachte. Mit Lindenau waren sie an eine Gemeinde geraten, die gerade in einer tiefen Krise steckte. Mit 18 Taufen und 14 Eheschließungen im Jahr hatte sie die schlechteste Statistik im Bistum, das wiederum statistisch das Schlusslicht von ganz Deutschland bildete.

Wir wollen nicht das Besondere tun, sondern das, was wir sowieso tun, richtig und besonders gut machen", zitierte Clemens Rosner den "Gründungsvater" des Leipziger Oratoriums, Theo Gunkel. Gemeinsam mit seinen Mitbrüdern habe er in der Gemeinde auch in den folgenden Jahrzehnten trotz widrigster Umstände aus dem Glauben heraus Zuversicht und Freude wachgehalten.

Zeitzeugen aus verschiedenen Epochen der Gemeindegeschichte bestätigten diesen Eindruck. Als in der Zeit des Nationalsozialismus katholische Vereine verboten und die katholische Schule aufgelöst wurde, erklangen von der Lindenauer nen Angaben insgesamt rund 1,5 Millionen Euro an Fördermitteln weitergereicht. Fast die Hälfte davon für Jugendbildungsveranstaltungen. Gregor Giele, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft katholischer Jugend in Sachsen (LAGS), erläuterte, der Freistaat gäbe das zur Förderung bestimmte Geld nur an die Kommunen, wenn diese noch einmal den gleichen Betrag dazulegten. Schon jetzt jedoch seien einige Landkreise zu dieser Gegenfinanzierung nicht in der Lage. Der KJRS-Vorsitzende Karl Ludwig Ihmels sieht ein großes organisatorisches Problem darin, dass Jugendverbände nach dem neuen Modus ihre Angebote künstlich in einen "überörtlichen" und einen "örtlichen", also kommunalen Bereich trennen müssen. Dies hänge damit zusammen, dass der Freistaat nur noch "überörtliche" Veranstaltungen fördern wolle. "Bis heute hat uns das Sozialministerium aber weder Kriterien noch Rahmenbedingungen genannt, die eine Veranstaltung entweder zu einem überörtlichen Angebot machen oder in die Zuständigkeit der Kommune verweisen." So sei der KJRS nicht in der Lage, zuverlässig für 2005 zu planen, was jetzt nötig wäre. Jugendförderung Einschnitte befürchtet Foto: Adler Kanzel mutige Worte des Widerspruchs. Die Geistlichen waren Repressalien ausgesetzt, Pfarrer Theo Gunkel war zweimal verhaftet. Im Pfarrhaus, aber auch bei Gemeindemitgliedern wurden jüdische Mitbürger versteckt, nach Kriegsende auch Deserteure.

Von der hervorragenden Jugendarbeit in der Nachkriegszeit berichtete ein ehemaliger Jugendlicher. Der Zusammenhalt der damals entstandenen Gruppen bestehe noch heute. Sogar eine geheime Pfadfindergruppe habe es gegeben, verriet er. Zwei Lindenauer Jungen hätten 1957 an einem weltweiten Pfadfindertreffen mit 9000 Teilnehmern in England teilgenommen. Der ehemalige Jugendreferent Günther Birken erzählte, wie er gemeinsam mit Oratorianern 54 Wolgadeutschen zur Flucht vor der Zwangsdeportation in die Sowjetunion verhalf.

Die Lokalkaplaneien in Großzschocher und Leutzsch wurden ausgebaut. 1954 durfte wider Erwarten die kleine St.-Hedwigskirche in Böhlitz- Ehrenberg gebaut werden. Bis in die sechziger Jahre hinein wohnten Graue Schwestern mit im Pfarrhaus, die bereits seit Beginn des Jahrhunderts vielfältige soziale Aktivitäten entfaltet hatten: Sie begannen mit einem Kindergarten und einer Suppenküche, die im Ersten Weltkrieg bis zu 800 Essensportionen auslieferte, später stiegen sie in die mobile Krankenpflege ein. In den 60er und 70er Jahren entstanden neue Formen des Gemeindelebens und der Ökumene. Da der äußere politische Druck zunahm, schlossen sich die immer weniger werdenden Gläubigen noch enger zusammen, zum Beispiel in Familienkreisen. Von 1970 bis 1996 war Clemens Rosner Pfarrer in Lindenau, seit 1996 leitet Eberhard Thieme die Gemeinde. Eine von der Grafikerin Angelika Pohler eigens für das Jubiläum zusammengestellte Ausstellung, die derzeit noch in der Werktagskapelle zu sehen ist, dokumentiert anschaulich die Entwicklung der Pfarrei.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 23 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 03.06.2004

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