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Aus der Region

Rocker in der Feuersäule

Christliche Symbole in Musikvideos

Dresden (tg) -Akkorde übersteuerter Gitarren dröhnen aus den Boxen. Noch ist auf der dunklen Bühne niemand zu sehen. Doch dann leuchtet der erste Scheinwerfer auf, ein Bandmitglied nach dem anderen wird sichtbar. Zum Schluss schreitet der Bandleader der "Böhsen Onkelz" in strahlendem Licht nach vorn an die Rampe, die Arme ausgebreitet, als wolle er sein jubelndes Publikum segnen.

Bei der Konzertouvertüre der Gruppe "Rammstein" geht es strenger, dafür perfekter zu. Da schießt bei jedem peitschenden Akkord des Synthesizers eine Feuersäule aus dem Dunkel empor, und jedesmal steht an dieser Stelle ein Musiker mit versteinertem Gesicht. Auch hier kommt der Meister zuletzt, in sprühendem Feuerregen, herab schwebend von oben.

Thomas Feist stoppt den Videofilm und erklärt: "Bedeutende Erscheinungen gehen immer mit hellem Licht einher -ein uraltes Symbol." Die Mitglieder der Katholischen und Evangelischen Studentengemeinde in Dresden, die seinem Vortrag folgen, schauen etwas verdutzt. "Denken Sie mal an die Bibel: Die Hirten, des Nachts auf dem Feld, die über die Engel erschraken, die ihnen da in hellem Licht erschienen."

Inszenierungen, die aus dem Alltag herausheben

Natürlich seien solche Konzerte keine christlichen Evangelisationsveranstaltungen, fügt er hinzu. "Sie sollen den Leuten etwas Außergewöhnliches bieten, Inszenierungen, die sie aus ihrem alltäglichen Leben herausheben." Feist kennt sich in beiden Sphären aus -in der Unterhaltungsbranche und im Christentum. Der Leipziger Musikwissenschaftler arbeitet im evangelischen Landesjugendpfarramt und betreut die rund 80 christlichen Jugendbands in Sachsen.

Aber ganz und gar weltliche Rockmusik-Videos, die christliche Symbole zitieren? Das erscheint einigen dann doch ziemlich weit hergeholt. Gut. Damit es noch deutlicher wird, legt Feist etwas nach. Härtere Sachen. Ein Musikvideo von Schockrocker Marilyn Manson. Aus schwarz gemalten Lippen dringt sein Lied vom "Saviour from the south", dem "Retter aus dem Süden". Damit ist Texas, also US-Präsident Georg W. Bush gemeint, spöttisch natürlich. "Saviour" lässt sich auch mit "Heiland" übersetzen, und allenthalben sieht man Kreuze in dem Video, Prozessionen, eine Muttergottes, eine Frau, den Kopf eines toten Mannes auf dem Schoß wie eine Pieta, sogar eine Kreuzigungsszene.

Sicher, Manson nutze solche Symbole als Provokation der christlich gesinnten US-Amerikaner. Damit erntet er Aufmerksamkeit und verdient eine ganze Menge Geld. Und doch: "Videos wie dieses verwenden Archetypen, die auch in der heutigen säkularen Welt noch stark genug sind, Menschen anzusprechen." Säkularisierung, so eine seiner Hauptthesen, bedeute ja nicht, dass Religion verschwinde, sondern dass sich ihre Elemente verweltlichten. "Da erscheinen eben dann christliche Symbole in Konstellationen, die man so nicht für möglich gehalten hätte."

Fragt sich nur, ob Jugendliche im Osten Deutschlands die heute noch verstehen. Ob sie zu deuten wissen, warum die Sängerin der "Cranberries" beispielsweise im Video zu ihrem Titel "Zombie" unter einem Kreuz steht. Hier sieht Feist eine Chance für junge Christen: "Schauen Sie sich solche Videos oder Konzerte mal genauer an, fragen Sie Jugendliche, was sie dabei empfinden. Sie werden merken, dass man darüber ganz leicht mit ihnen ins Gespräch kommt. Und dass sie zu fragen beginnen, denn sie wollen Genaueres wissen, sich in dieser Flut von Symbolen zurechtfinden."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 23 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 03.06.2004

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