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Aus der Region

Die Menschen brauchen eine Perspektive

ZdK-Präsident Meyer über die Situation in Deutschland und die Grenzen der Politik

Dessau (ep) -Eine nachvollziehbare Perspektive für jeden Einzelnen und die Gesellschaft als ganze hat der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Hans Joachim Meyer verlangt. "Ohne eine Perspektive kann die Gesellschaft nicht reformiert werden, kann den Menschen nicht deutlich gemacht werden, warum bestimmte Opfer gebracht werden müssen", sagte Meyer in Dessau. In Deutschland fehle ein solches zukunftsweisendes Gesamtprogramm.

Wichtigste Aufgabe der Politik sei es derzeit, "mindestens auf europäischer Ebene wieder in die Situation zu kommen, realistische Rahmenbedingungen für das wirtschaftliche Handeln setzen zu können", so Meyer, der zum Thema "Die Grenzen der Politik" im Rahmen der gemeinsamen Reihe der katholischen Akademien "Die Grenzen der Wirklichkeit. Mystische Erfahrungen heute" sprach. Dabei gelte es für die Politik, im wirtschaftlichen Konkurrenzkampf Regeln durchzusetzen. Die Europäische Union sieht er "als realistische Chance, zu solchen Bedingungen zu kommen, die zu menschenwürdigen Verhältnissen und zu größerer Nähe von Wirtschaft und Sozialstaat führen". Firmen, die damit drohten, wegzugehen, brauchen Europa. "Ich setze da auf den Erfahrungsprozess der Wirtschaft." Meyer: "Wir müssen in unserer Gesellschaft neu den Punkt setzen, welche Rolle das Allgemeinwohl spielt und wie weit der Freiheitsraum des Einzelnen geht." Meyer kritisierte die aus der alten Bundesrepublik überkommene Überbetonung der individuellen Interessen. Dieses Gesellschaftskonzept sei auf Dauer "fern von der Realität".

Keine Illusionen über den Sozialstaat

Niemand dürfe "der Illusion erliegen, dass wir alles in unserem bisherigen Sozialstaat erhalten können. Das wird angesichts der derzeitigen wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen nicht gelingen." Darüber gelte es den Menschen die Wahrheit zu sagen, auch wenn dies nicht einfach sei, so Meyer. Der ZdK-Präsident warnte davor, das amerikanische Prinzip von ausschließlich privater Eigenverantwortung und bürgergesellschaftlichem Engagement auf die Bundesrepublik übertragen zu wollen. "Das kann nicht gelingen." Etwa auch in Frankreich sei über Jahrhunderte das Verständnis gewachsen, dass für gewisse soziale und kulturelle Aspekte der Staat Verantwortung trägt. Dieses Verständnis gelte es "wieder auf ein solides Fundament zu stellen". Hier seien Mut, langer Atem und Kreativität gefragt. Selbstverständlich stoße entsprechender politischer Einsatz an Grenzen und könne auch scheitern. "Doch wer sich nicht einsetzt, wird nichts erreichen."

Im Blick auf die jungen Bundesländer sagte Meyer, in Wahrheit habe es keine Chance für einen raschen wirtschaftlichen Aufstieg wie in den 50er Jahren der Bundesrepublik gegeben. Wer damals arbeitete, war erfolgreich, weil alles gebraucht wurde. Die Menschen in der DDR seien nicht als Produzenten, sondern "nur als Konsumenten willkommen" gewesen. "Um auf dem Markt als produzierende Konkurrenten erfolgreich zu sein, mussten die Menschen im Osten besser sein als die anderen." Zudem seien seit den 80er Jahren erheblich höhere Investitionssummen für konkurrenzfähige Arbeitsplätze erforderlich als früher, sagte Meyer.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 23 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 03.06.2004

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