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Bistum Magdeburg

Mehr Einsatz für eine gerechte Welt

Partnerschaftsaktion Ost: Heiner Hesse geht in den Ruhestand

Heiner Hesse

Der Geschäftsführer der Partnerschaftsaktion Ost und Missio-Referent des Bistums, Heiner Hesse (62), geht dieser Tage in den Ruhestand. Hesse will über seine Pensionierung hinaus jedoch seinem unermüdlichen Engagement für eine gerechtere Welt treu bleiben. Der Tag des Herrn sprach mit ihm:

Herr Hesse, zwölf Jahre Einsatz für Menschen in Osteuropa, dazu Aufgaben für das Hilfswerk Missio -ist man da ausgepowert?
Bin ich nicht, sondern über vieles zufrieden und über manches auch enttäuscht. Wir haben viel bewegt, viele Kontakte sind entstanden. Im russischen Tutajew mit seinen 40 000 Einwohnern dürfte kaum jemand sein, der die Christen aus Deutschland nicht kennt. Menschen haben durch unsere Impulse begriffen, dass sie sich auch selbst kümmern müssen -zum Beispiel um die behinderten Kinder. Wir unterstützen unter anderem auch das christliche Gymnasium in Tutajew. Christliche Erziehung ist in Russland wichtig. Viele moralische Werte sind im letzten Jahrhundert weithin verloren gegangen.
Sie sind viele Male selbst mit Hilfstransporten in Russland gewesen. Ist das nicht ein Engagement in ein Fass ohne Boden?
Im Blick auf unsere Hilfstransporte und Finanztransfers zweifellos. Es bringt nur wenig, wenn wir nicht die Ursachen der Armut und des Elends angehen. Dies gilt für Russland genauso wie für Länder der "Dritten Welt". Und doch sind partnerschaftliche Hilfen und Direktkontakte unverzichtbar, weil sie eine persönliche Dimension haben und beide Seiten bereichern.
Müssten die Menschen zum Beispiel in Russland nicht auch etwas an ihrer Mentalität ändern, um ihre Situation wirklich verbessern zu können?
Ich habe als Missio-Referent Ghana in Afrika besucht. Ghana ist ein reiches Land, es gibt viele Bodenschätze, herrliche Vegetation. Es heißt, die Ghanesen gehören zu den intelligentesten Völkern der Welt. Doch über Jahrhunderte wurden die kräftigsten Männer in die Sklaverei verkauft. Als die Kolonialherren, die Engländer, aus dem Land gingen, haben sie fast keine Infrastruktur hinterlassen. Die Goldminen gehören bis heute internationalen Gesellschaften. Die Kakaopreise werden im Ausland bestimmt. Wenn jemand eine gute Ausbildung hat, versucht er heute sein Glück in reichen Ländern.
Ähnliches gilt auch für Russland?
In alter Zeit hat jedes Dorf die Schwachen mit getragen. Keiner hat sich in einer Dorfgemeinschaft besonders hervorgetan. Schicksalsergebenheit und Leidensbereitschaft sind in Russland als alte christliche Werte weiter verbreitet als aktives Handeln. In der Vergangenheit war das nötig, um zu überleben: Bis Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Russland Leibeigenschaft. Im 20. Jahrhundert hat Stalin praktisch zwei Generationen aktiver Männer umbringen lassen. Wenn zum Beispiel ein Bauer Initiative zeigte und zusätzlich Käse zum Verkauf herstellte, kam er leicht in den Gulag. Hinzu kommt: Seit Jahrhunderten wird in Russland extrem in Hierarchien gedacht und gehandelt. Für die Menschen ist es deshalb schwer, Eigeninitiative zu entwickeln. Doch es gibt durchaus aktive Leute, vor allem viele Frauen. Manche Russen, meist sind es die früheren Kader, werden heute auf Kosten der Gesellschaft immer reicher. Und: Für den Westen ist das Land oft nur ein riesiger Absatzmarkt und Lieferant billiger Rohstoffe.
Wie kann dem russischen Volk geholfen werden?
Solche Hilfe fängt hier in Deutschland an. Etwa durch ein Engagement gegen eine neoliberale Weltwirtschaftsordung, in der Entschuldungskampagne, in Bündnissen für weltweite Gerechtigkeit. In Russland gilt es denen den Rücken stärken, die aktiv gesellschaftlich handeln.
Sie haben von Enttäuschungen in Ihrem langjährigen Engagement gesprochen?
Ich bin sehr betroffen, wie wir aus den reichen Ländern mit den Armen dieser Welt umgehen, die keine Chance haben, aus den Wirtschaftsverflechtungen heraus zu kommen. Ich kann nicht verstehen, warum unsere Kirche die Kritik an den ungerechten Verhältnissen Organisationen wie Attac oder Amnesty international überlässt und sich nicht selbst an die Spitze stellt.
Mit der Bibel, aber auch Papieren wie "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit" haben wir ausgezeichnete Grundlagen für ein Engagement für die Armen und Unterdrückten. Nicht wenige Gemeinden unterhalten Partnerschaften in die ärmeren Länder. Und auch die Hilfswerke leisten vieles. Doch die Kirche wird zu wenig zur Stimme der Armen in der Öffentlichkeit und in der Politik, wie es im Friedenswort der deutschen Bischöfe "Gerechter Friede" heißt. Stattdessen gefallen wir uns im Almosengeben und vergessen schnell, dass unser materieller Reichtum zu Lasten der Armen geht.
Was wünschen Sie sich konkret von der Kirche?
Dass sie hier und an-derswo als Anwalt der kleinen Leute auftritt und nicht zwischen dem Engagement für die Armen und dem Mammon laviert. Ich wünsche mir, dass die Verantwortlichen in der Kirche die Menschen hier in Deutschland viel stärker dazu ermutigen, ja auffordern, sich in Gesellschaft und Politik einzumischen. Zu einem glaubhaften Christsein gehört das meines Erachtens unbedingt dazu. Und ein weiterer Wunsch: Unsere Hilfe im Osten darf nicht nur den katholischen Gemeinden gelten. Wir müssen die orthodoxen Christen in ihrem Einsatz aus dem Evangelium als die ansässige Ortskirche stärken.
Wie geht es weiter mit der Partnerschaftsaktion Ost?
Einstweilen wird Edith Giebson, Referentin im Seelsorgeamt, die Leitung kommissarisch übernehmen. Meine Kollegin Monika Köhler wird weiter Übersetzungsaufgaben und den Kontakt zu unseren Spendern wahrnehmen. In den Dokumenten des Pastoralen Zukunftsgespräches und in der Rahmenordnung der Partnerschaftsaktion Ost ist deren Fortbestand als eine wesentliche Aufgabe des Bistums verankert worden.
Wie geht es bei Ihnen persöhnlich weiter?
Ich bin seit 1. Januar Geschäftsführer des deutschen Zweigs von "Glaube in der Zweiten Welt", der eine gleichnamige Schweizer Zeitschrift und deren Projektarbeit in Russland unterstützt. Ich hoffe auf eine weitere gute Zusammenarbeit zwischen "Glaube in der zweiten Welt" und dem Bischöflichen Ordinariat Magdeburg und der Partnerschaftsaktion Ost.

Interview: Eckhard Pohl

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 22 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Dienstag, 25.05.2004

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