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Aus der Region

"Maiglocke" ohne Resonanz

In Ostdeutschland ist wieder Jugendweihezeit

Leipzig (kna / tdh) -Günter Nooke, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, hat die Hoffnung auf die "Maiglocke" noch nicht aufgegeben: An Himmelfahrt finden sich wieder zehn junge Menschen in Potsdam zu einer Feier ein, die diesen Namen trägt. Die "Maiglocke" wendet sich an junge Menschen in den neuen Bundesländern, die von der atheistischen Jugendweihe nichts wissen wollen, aber der Konfirmation oder Firmung distanziert gegenüberstehen. Nooke, "Erfinder" dieser neuen Form der Feier und engagierter Protestant, hat in dem Berliner Theologieprofessor Richard Schröder und seiner Potsdamer Fraktionskollegin Katharina Reiche wichtige Mitstreiter.

Jugendweihe -nach wie vor sehr beliebt

Der Hintergrund: Auch anderthalb Jahrzehnte nach dem Ende des real sozialistischen Experiments namens DDR erfreut sich die Jugendweihe großer Beliebtheit und ist in den neuen Bundesländern so selbstverständlich wie die Konfirmation oder die Firmung in den alten. Allerdings haben die Zahlen für die Jugendweihe stark nachgelassen.

Statt der SED stehen heute der Humanistische Verband oder Verbände der Freidenker hinter der Jugendweihe. In einer Gesellschaft wie der ostdeutschen, in der nicht einmal mehr ein Drittel der Bevölkerung einer Kirche angehört, will man jedoch nicht auf eine Familienfeier für junge Menschen verzichten. Das erklärt die Popularität der Jugendweihe, die heute auch zu nichts mehr verpflichtet -im Gegensatz zu Konfirmation und Firmung, für deren Teilnahme die Kirchenmitgliedschaft Voraussetzung ist. Die engagierten Protestanten um Günter Nooke wollen das Feld nicht den Freidenkern überlassen, sondern behutsam auf christliche Traditionen aufmerksam machen und eine Feier für junge Menschen anbieten, die mehr als eine Jugendweihe sein soll. Wer an einer "Maiglocke"-Feier teilnehmen will, braucht nur an einigen Vorbereitungsabenden und an einem gemeinsamen Wochenende teilzunehmen. Dazu kommt noch der Besuch einer Kirchengemeinde.

Evangelische Kirche gegen "Konfirmation light"

Die Evangelische Kirche in Berlin- Brandenburg-Schlesische- Oberlausitz stand der "Maiglocke" von Anbeginn an skeptisch gegenüber. Das Wort von der "Konfirmation light" machte die Runde. Man sieht in ihr eine Konkurrenz, zumal der Konfirmation in der Regel ein zweijähriger kirchlicher Unterricht vorausgeht. Ohne kirchliche Unterstützung aber hat die "Maiglocke" keinerlei Chancen. Während die Kirche von einer "Konfirmation light" nichts wissen will, unterstellen die Freidenker der "Maiglocke", durch die Hintertür für die Kirche zu werben. Also dann doch lieber gleich das Original, die freidenkerische Jugendweihe. Als SED-Generalsekretär Walter Ulbricht in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der DDR den Druck auf die Kirchen verstärkte und in den Schulen die atheistische Erziehung durchsetzte, ersetzte er die Konfirmation durch die Jugendweihe. Ein geschickter Schachzug. Die Jugendlichen kamen auch weiterhin in den Genuss einer Feierstunde, einer Familienfeier und von Geschenken. Bald wurde die Jugendweihe genauso groß gefeiert wie einst die Konfirmation -selbst in den Familien, die keineswegs Mitglied der SED waren.

Kaum Platz für Alternativen

Die Kirchen in der DDR erwiderten die Kampfansage der SED durch die Jugendweihe mit einem Entweder (Konfirmation / Firmung) -Oder (Jugendweihe). Diese Auseinandersetzung ging für die Kirchen zumindest teilweise verloren, weil sehr bald die DDR die Teilnahme an der Jugendweihe zur Voraussetzung für den Besuch der weiterführenden Schulen oder einen attraktiven Ausbildungsplatz machte. Auch wenn die Kirchen ihre strenge Haltung lockerten, war der Kampf weitgehend verloren. Die Konfirmation wurde im Stammland der Reformation zur Feier einer Minderheit. Die Firmung war es sowieso. Und das ist auch nach dem Ende des Kommunismus so geblieben.

Also doch den "Maiglocke"- Gedanken aufgreifen, lieber etwas Berührung mit christlichem Glauben und Kirche als gar keine? Solche Fragen führen nach Ansicht der Kritiker in die Irre. Kirche dürfe den ihr anvertrauten Schatz des Evangeliums nicht verschleudern. Auch heute müsse man sich entscheiden, ob man sich zur Kirche und damit zu Konfirmation und Firmung bekennt oder aber meint, nicht auf die Kirche angewiesen zu sein, um jungen Menschen eine große Feier zu ermöglichen, also die Jugendweihe. Welchen Platz auf Dauer die "Maiglocke"-Feiern und die kirchlichen Alternativ- Angebote einnehmen werden, bleibt abzuwarten.


KIRCHLICHE altERNATIVEN ZUR JUGENDWEIHE

Neue kirchliche Alternativen zur "Jugendweihe" stoßen in Ostdeutschland auf wachsendes Interesse. Feiern zur Lebenswende gibt es in diesen Wochen in den katholischen Bistümern Dresden-Meißen, Erfurt, Magdeburg und dem Erzbistum Berlin an mehreren Orten (siehe Berichte auf den jeweiligen Bistumsseiten). Vereinzelt bietet auch die evangelische Kirche solche Veranstaltungen an; dort sind sie jedoch wegen einer möglichen Konkurrenz zur Konfirmation umstritten.

Im Erfurter Dom fand die "Feiern der Lebenswende" inzwischen zum siebenten Mal statt. An den beiden Veranstaltungen nahmen 52 konfessionslose Jugendliche teil, wie Dompfarrer Reinhard Hauke in Erfurt mitteilte. Er entwickelte das Konzept für die Feiern, die 1998 mit zwölf Jugendlichen begannen. Die 14-Jährigen bereiten sich mehrere Monaten bei regelmäßigen Treffen auf die Feier vor, die sie weitgehend mitgestalten. Zu der Zeremonie gehören auch religiöse Texte und Lieder sowie ein Segensspruch.

Ähnliche aufgebaut sind Jugendfeiern im Bistum Magdeburg in Halle, Dessau und Magdeburg. Insgesamt nehmen 64 Jugendliche daran teil. Im Bistum Dresden-Meißen finden vergleichbare Feiern in Dresden und Leipzig statt. Elf Jugendliche erwartet die Berliner Domgemeinde Sankt Hedwig am 29. Mai bei ihrer zweiten Veranstaltung dieser Art in der Kathedrale des Erzbistums.

An den Feiern der Nachfolge- Organisation des DDR-"Jugendweihe"- Ausschusses und des Humanistischen Verbandes nahmen nach deren Angaben im vergangenen Jahr rund 90 000 Jugendliche meist im Osten Deutschlands teil.

Gegen die Unterstützung solcher Jugendweihen und -feiern durch Regierungsmitglieder wandte sich der Berliner evangelische Bischof Wolfgang Huber. "Jugendweihe ist kein Staatsakt", betonte Huber. Sie dürfe auch nicht mit einem solchen Anschein versehen werden. Der Bischof bezog sich auf die Festrede des brandenburgischen Innenministers Jörg Schönbohm (CDU) am 8. Mai bei einer Feier in der Gesamtschule Wittenberge. Mit solch einem Vorgehen werde die weltanschauliche Neutralität des Staates verkehrt und den entsprechenden Feiern der Anschein einer staatlichen Autorisierung verliehen, sagte Huber.

kna / tdh

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 21 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 21.05.2004

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