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Bistum Erfurt

So original wie möglich

Bis alle Fenster des Erfurter Domes restauriert sind, vergehen noch Jahre

Erfurt (bip) -Die mittelalterlichen Glasmalereien im Hohen Chor des Erfurter Domes gehören zum Besten und Wertvollsten, was es auf diesem Gebiet in Deutschland gibt. Aber ihr Bestand ist gefährdet: Auf der Außenseite der Fenster hat sich eine Korrosionsschicht, der so genannte Wetterstein, gebildet. Als Hauptursache haben Experten die Umweltverschmutzung des 20. Jahrhunderts ausgemacht. Dadurch ist das Farbenspiel der Fenster beeinträchtigt, weil der Wetterstein weniger Licht durchlässt. Manche Darstellungen sind gar nicht mehr zu erkennen. Und als wäre der Schaden noch nicht groß genug, haben sich auf der Innenseite der Fenster die Schwarzlotmalereien gelöst. Ohne sie hätten die Figuren keine Gesichter und ihre Gewänder keine Falten. Vor allem klimatische Einwirkungen haben zu diesem "Gesichtsverlust" geführt.

Vorbereitungen für Rettung seit den 70ern

Seit Ende der 70er Jahre laufen Vorbereitungen, die wertvollen, zwischen 1380 und 1420 entstandenen Fenster zu retten. Unmittelbar nach der Wende wurde der Glasmalereibestand des Erfurter Domes in ein Denkmalschutzprojekt des Bundesforschungsministeriums einbezogen. Was dort in Zusammenarbeit mit Fachleuten aus ganz Deutschland an Grundlagen zur Sicherung und Restaurierung erforscht wurde, kommt seit dem Jahr 2000 an den Erfurter Fenstern zur Anwendung. Unter der Projektleitung des Kunsthistorikers Dr. Falko Bornschein wurden innerhalb von vier Jahren zwei Fenster ausgebaut und restauriert: das nach dem Namen der Stifterfamilie benannte Tiefengrubenfenster sowie das Jacobfenster, auf dem die biblische Geschichte von Jacob und Josef szenisch dargestellt ist.

In der Glaswerkstatt des Domes, die für diese Arbeiten eigens eingerichtet werden musste, sicherten zwei Mitarbeiter Glas, Verbleiung und das Schwarzlot und reinigten auf der Basis von Ammoniumcarbonat die Außenseite der Glasscheiben -eine Methode, die zum ersten Mal angewendet worden ist. Die Fachwelt beobachtet daher die Muster-Restaurierung der Erfurter Fenster aufmerksam. Zwei Fachtagungen haben bereits stattgefunden, weil man sich aus Erfurt Erkenntnisse für ähnliche Projekte an anderen Kirchen erhofft. Die Gesamtkosten für die Restaurierung der ersten beiden Fenster von 470 000 Euro bezuschusst die Deutsche Bundesstiftung Umwelt mit 290 000 Euro.

Bornschein und die Mitarbeiter der Glaswerkstatt waren jedenfalls erfolgreich. Die ersten beiden Fenster sind bereits wieder eingebaut. Ihre Farben sind klarer und intensiver, die Darstellungen räumlicher und körperlicher als zuvor. Insgesamt wirken die Fenster transparenter. "Unser Ziel war", führt Bornschein aus, "das neue optische Erscheinungsbild dem Original möglichst anzunähern." Das ist gelungen und ein weiterer Grund, den frisch sanierten Hohen Chor zu besuchen, der seit dem 1. Mai wieder geöffnet ist. Abwarten, bis alle Fenster restauriert sind, sollte man besser nicht: Das dauert noch bis 2020.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 19 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 06.05.2004

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