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Aus der Region

"Es ist einfach großartig"

Kirchen feiern größeres Europa

Zittau -Die Händler rücken ihre Auslagen zurecht, die Schausteller kontrollieren noch einmal die Karussells. In den Straßen hängen tschechische, polnische, deutsche und Europafahnen. Luftballons steigen auf, die Menschen jubeln. Zittau hat sich herausgeputzt. Zumindest an diesem Wochenende steht die sächsische Kleinstadt im Dreiländereck zu Tschechien und Polen im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Hier finden die zentralen Feiern zur Erweiterung der Europäischen Union statt. Der alte und der neue Bundeskanzler, Helmut Kohl und Gerhard Schröder, sind gekommen. Und ein großes Feuerwerk um Mitternacht ist das sichtbare Zeichen dafür, dass Europa auf seinem Weg zur Einheit ein wesentliches Stück vorangekommen ist.

Auch die Kirchen würdigen diesen Tag. Am vergangenen Sonntag war der Marktplatz in Zittau fest in christlicher Hand. Ein dreisprachiger ökumenischer Gottesdienst auf der großen Bühne des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) lockte nicht nur Gläubige aus Deutschland, Polen und Tschechien, sondern auch Vorübergehende an. Neugierig bleiben sie stehen, lauschen den Gebeten und Gesängen.

Das Motto des Gottesdienstes klingt etwas unsicher. "Alles neu?! Neues ist geworden! Ist geworden?" Die Erweiterung der Europäischen Union wirft auch viele Fragen auf. "Vieles ist schon neu geworden im Verhältnis unserer Völker", betont der Zittauer evangelische Superintendent Günter Rudolph. Von der Gegenwart könne man aber nicht sprechen, ohne auch die Vergangenheit zu bedenken. Trotz der Freude über ein gutes Verhältnis zwischen Polen, Deutschen und Tschechen bleiben Ängste. "Ängste wegen der ungewissen wirtschaftlichen Situation, wegen unserer Vergangenheit und wegen der Möglichkeit des eigenen Versagens", sagte Rudolph. Sich zu versöhnen bedeute, zu der eigenen Schuld zu stehen und damit die Gräben zu überwinden.

An diesem Festtag überwiegt allerdings die Freude über die Wiedervereinigung des Kontinents. Der evangelische Christ Udo Funke ist zuversichtlich, dass sich das Miteinander zwischen Deutschen, Polen und Tschechen weiterhin positiv gestaltet. "Wir haben bisher schon vieles gemeinsam gemacht", erzählt er. "Grenzüberschreitende ökumenische Passionsandachten, gemeinsame Friedensdekaden und immer wieder Begegnungen zwischen den einzelnen Gemeinden". Natürlich würden Grenzen weiterhin bestehen bleiben, Sprachgrenzen oder auch konfessionelle Grenzen. "Aber zusammen können wir auch das überwinden", ist der Zittauer überzeugt. "Wissen Sie, ich habe in meiner Kindheit vor allem die Gewalt zwischen unseren Völkern erlebt und später nur Abgrenzungen in allen möglichen Richtungen. Ich bin wirklich glücklich, dass es so gekommen ist. Es ist einfach großartig."

Für Beata Bykowska ist die Erweiterung der Europäischen Union eigentlich nur noch ein formaler Akt. Die Polin arbeitet im Internationalen Bildungszentrum Kloster St. Marienthal bei Ostritz. "Zwischen Deutschen und Polen gerade im Grenzbereich gibt es seit langem intensive Beziehungen. Das fängt bei gegenseitigen Kindergartenbesuchen an und hört bei gemeinsamen Seminaren auf." Das vereinigte Europa sei in "den Herzen der Menschen" längst Alltag.

Gleich drei katholische Bischöfe feierten bereits ein Tag zuvor in der Pfarrkirche Maria Heimsuchung eine dreisprachige Festmesse: Bischof Joachim Reinelt (Bistum Dresden-Meißen), Bischof Rudolf Müller (Görlitz) und der Altbischof Josef Koukl aus dem tschechischen Bistum Litomerice (Leitmeritz). Aus dem polnischen Legnica (Liegnitz) nahm Generalvikar Wladyslaw Bochnak teil. Bischof Reinelt bezeichnete die Erweiterung der Union als eine "historische Stunde", mit der die zum Teil grausame Geschichte zwischen den Völkern endgültig vorbei sei. Der Bischof warnte jedoch vor einem aufblühenden Nationalismus. Vor allem "religiös verbrämte Ideologien" hätten in früherer Zeit immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen geführt. Reinelt bremste zu hohe Erwartungen hinsichtlich des wirtschaftlichen Aufschwungs in der erweiterten Union. Auch in den ostdeutschen Bundesländern hätte man erst lernen müssen, dass der Aufschwung Geduld erforderte. Der Bischof wies besonders auf die christliche Tradition des Kontinents hin und forderte die Christen auf, politische Verantwortung für Europa zu übernehmen.

Andreas Schuppert,
TAG DES HERRN - Redakteur

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 19 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 06.05.2004

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