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Auf zwei Minuten

Begegnung mit Maria

Ein Beitrag von Pater Damian Meyer

Pater Damian

Der katholische Exeget Fridolin Stier (1901 bis 1981) schreibt in einer biografischen Notiz: "Was für ein großer Verehrer der Gottesmutter wäre ich wohl gewesen, ...Aber bevor man die Worte verstand, hat man das Ave-Maria zu plappern gelernt. Ein Wortehrendienst wurde geleistet, eine kultische Übung verrichtet. Maria wurde besprochen, angesprochen, übersprochen, bevor sie selbst zum Sprechen kam. Fleisch- und blutlos zu einer mythologischen Figur hinaufgehimmelt, kam sie einem nicht nur nicht näher, man konnte sich ihr auch nicht nähern, ihr, dem Menschen, der Frau aus Nazaret. Glauben und Kult standen zwischen mir und der Mutter Jesu, und es kam nicht zu der Begegnung, die mich ergriffen hätte, ergreifen wollte."

Die Erfahrung Stiers kann ich selbst gut nachvollziehen. Die biblische Gestalt der Maria wurde zu sehr übermalt von allen möglichen Titeln und Privilegien, die zum Teil auch als Dogma festgelegt wurden: Gottesmutter, ohne Erbsünde Empfangene, mit Leib und Seele in den Himmel Aufgenommene, Königin des Himmels, Mutter der Kirche, Mittlerin ... Es soll keineswegs bestritten werden, dass diese Titel und Auszeichnungen wahr sind. Die Frage ist, ob dieser Zugang zu Maria sie nicht allzu weit von uns wegrückt, sie fast zu einer Göttin, einer "diva" macht. Viele Darstellungen der Madonna in der Kunst haben diesen Eindruck noch verstärkt. Können wir uns als glaubende Pilger mit dieser Gestalt identifizieren? Kommt es zu einer wirklichen Begegnung mit der Frau aus Nazareth?

Ich finde einen besseren Zugang zu Maria durch die "kleine Pforte" der Evangelien. Da ist zunächst die Verkündigungsszene bei Lukas: "Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe." Maria reagiert ganz natürlich: Sie wundert sich und denkt nach. Sie hört dem Engel zu. Sie fragt schlicht und einfach nach dem Wie ihrer Mutterschaft. Dann willigt sie ein: "Ich bin die Magd des Herrn." - Auch die nächste Szene stellt die junge Frau so menschlich, uns nahe, dar: Sie spricht sich vertraulich bei einer Verwandten über das Erlebte aus. Es war bestimmt eine große Hilfe für sie und eine Bestätigung der Botschaft des Engels.

Maria geht dann als Mutter Jesu durch allerlei Schwierigkeiten und Missverständnisse den Weg des Glaubens bis zum bitteren Tode ihres Sohnes und bis zu ihrem eigenen Ende. So ist sie uns ganz nahe als Weggefährtin. Der Monat Mai, der "Marienmonat" könnte eine Gelegenheit sein, bei den Stationen ihres Lebens meditierend zu verweilen.

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 18 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 29.04.2004

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