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Aus der Region

"Auch im Herzen bejahen"

Bischof Müller zur EU-Erweiterung

Der Görlitzer Bischof Rudolf Müller sieht nach wie vor große Ängste angesichts der Erweiterung der Europäischen Union (EU). Es werde äußerst schwer, den Beitritt den Menschen "so verständlich zu machen, dass sie das auch im Herzen bejahen", sagt der Bischof im folgenden Interview.

Frage: Herr Bischof, am 1. Mai erweitert sich die EU nach Osten. Welche Hoffnungen, vielleicht auch Befürchtungen verbinden Sie mit diesem Ereignis?

Müller: Der Beitritt ist für die EU ein Gewinn, denn die zehn Länder gehören durch ihre Kultur und ihr religiöses Bekenntnis zweifelsohne zu Europa. Es wird aber äußerst schwer werden, die EU-Mitgliedschaft den Menschen in Polen, der Tschechischen Republik und den anderen Staaten so verständlich zu machen, dass sie das auch im Herzen bejahen.

Frage: Woher kommen die Vorbehalte?

Müller: In meinen Gesprächen mit polnischen Priestern und Bischöfen höre ich immer wieder von großen Ängsten. Sie befürchten, dass der im Westen Europas so gravierende Säkularismus und Liberalismus nun auch nach Osten eindringt. Auch die wirtschaftlichen Konsequenzen des Beitritts bereiten ihnen Sorgen.

Frage: Was macht ihnen am meisten Angst?

Müller: Die Bischöfe aus ländlichen Regionen befürchten, dass der strukturelle Wandel durch den EU-Beitritt vor allem die Kleinbauern sehr hart treffen wird. Größere Vorteile erwarten sie nur für die großen Städte, wenn sich dort Industrie ansiedelt und damit die hohe Arbeitslosigkeit gesenkt wird.

Frage: Wirtschaftliche Probleme kennen Sie auch in Ihrer Diözese. Sie führen dazu, dass viele Katholiken abwandern und im Westen Arbeit suchen. Erwarten Sie durch polnische Zuwanderer eine Neubelebung der Gemeinden?

Müller: Ich wünsche es herzlich, weil wir diese Neubelebung brauchen. Die Diaspora hat sie alle 50 Jahre nötig. Bisher kam sie durch die Industrialisierung und durch die große Völkerwanderung der Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg. Ich bin mir natürlich im Klaren darüber, dass das Ziel zuwandernder Polen nicht zu allererst die Integration in unsere katholischen Gemeinden sein wird. Ich hoffe dennoch, dass wir dadurch doch eine ganze Reihe aktiver Katholiken bekommen. Bereits jetzt gibt es in Görlitz bis zu 600 polnische Familien.

Frage: Wie sind die Kontakte über die Grenze hinweg?

Müller: Seit der Wende veranstalten wir schon alle vier Jahre eine gemeinsame Fronleichnamsprozession über die Neiße, die diese Kontakte ganz besonders zum Ausdruck bringt. Auch haben wir in Görlitz eine deutsch-polnische Pfarrerkonferenz, die sich regelmäßig vier Mal im Jahr trifft und gemeinsame pastorale Fragen miteinander bespricht. Die vier katholischen Gemeinden in Görlitz haben zudem Partnerschaften mit Pfarreien in der Schwesterstadt Zgorzelec. Außerhalb von Görlitz hängen die Beziehungen der Gemeinden sehr stark von der jeweiligen kirchlichen Situation in der Grenzregion ab. In der Zwillingsstadt Guben / Gubin haben sie sich ebenfalls gut entwickelt.

Frage: Wie werden Sie den Tag des Beitritts verbringen?

Müller: Ich nehme gleich an zwei Festgottesdiensten mit Deutschen, Polen und Tschechen anlässlich des Ereignisses teil, am Vormittag in Zittau und am Nachmittag in Görlitz.

Interview: Gregor Krumpholz

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 18 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 29.04.2004

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