Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Bistum Erfurt

Selbst der Feldhenker hatte sein Liedlein

Die Ausstellung "Schwanengesänge" in Gotha zeigt wertvolle Gesangbücher

Zeugnisse der Vergangenheit: Forscher Rupert Schaab ist besonders auf die Erstausgaben der Gesangbücher stolz.

Gotha (ck) -Es ist die weltweit bedeutendste und wertvollste Sammlung von Kirchengesangbüchern: Der Bestand der "Cantica spiritualia" mit mehr als 3000 Bänden aus dem 16. bis 20. Jahrhundert der Universitätsund Forschungsbibliothek Erfurt / Gotha im Schloss Friedenstein in Gotha.

Jetzt ist diese einmalige Gesangbuchsammlung erstmals öffentlich mit 140 Exponaten in 15 Vitrinen mit der Sonderausstellung "Schwanengesänge -Die Blüte des deutschen Kirchenliedes" noch bis zum 31. Mai im Spiegelkabinett auf Schloss Friedenstein zu sehen.

Herzog Ernst II. von Sachsen- Gotha-Altenburg kaufte im 18. Jahrhundert die wertvolle Gesangbuchsammlung des Arnstädter Superintendenten Johann Christoph Olearius. Durch weitere Ankäufe und Schenkungen vergrößerte sich der Bestand der "Cantica spiritualia" im Laufe der Jahrhunderte auf über 3 000 Bände des 16. bis 20. Jahrhunderts.

Erstausgaben des ältesten evangelischen wie auch katholischen Gesangbuches ist unsere Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt / Gotha besonders stolz", betonte Rupert Schaab, Leiter der Forschungsbibliothek, bei der Eröffnung.

Die Ausstellung möchte den Blick auf die schönsten deutschen Kirchenlieder lenken, die in den Gesangbüchern überliefert werden. Manche von ihnen fassen Glaubensaussagen prägnanter als die Bekenntnisschriften der Kirche. Große Dichter wie Martin Luther, Paul Gerhardt, Friedrich Spee oder Matthias Claudius haben noch heute populäre Lieder geschaffen. Die Grenzen zwischen Volks- und Kirchenlied wurden vielfach überwunden. Die oft anonym entstandenen Melodien sind immer wieder aufgegriffen und verändert worden. Wenige andere Texte haben ähnliche Auseinandersetzungen und Überformungen erfahren. Sie grenzten Konfessionen voneinander ab und bildeten Gemeinschaft. Überzeugende Glaubensaussagen überwanden in Text und Melodie Kirchen- und Ländergrenzen. Noch das kleinste Territorium des alten Reiches pflegte mit seinem eigenen Gesangbuch seine Identität.

So findet sich neben der prachtvollen lateinischen Psalterübersetzung des Hieronymus aus der griechischen Septuaginta das schmucklose "Manuale Militium -christliches Soldatenhandbüchlein" von 1631. Mit der Schrift aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges liegt das früheste Zeugnis der Militärseelsorge vor. Knapp 70 Jahre später erschien unter dem Titel "Zum Nutz aller redlichen Soldaten" das Taschengesangbüchlein "Soldatenbändlein" oder auch "Geistliches Militemus", in dem jeder Soldat vom General bis zur Schildwache, ja selbst der Feldhenker, sein eigenes Liedlein hat.

Auch das bekannte "Gothaer Cantionale Sacrum" -im handlichen Oktavformat 1646 in Gotha gedruckt -fehlt nicht. Auf Anordnung von Herzog Ernst dem Frommen wurde es an den Gothaer Schulen als Schulgesangbuch eingeführt. Die außergewöhnlich reiche Gesangbuchsammlung der Forschungsbibliothek Gotha ist auch Zeugnis vielfältiger künstlerischer Formen und des unterschiedlichsten Gebrauchs der Gesangbücher. Oft wurden sie aus Prestigegründen aufwändig ausgestattet. Vielfach finden sich Aufzeichnungen mehrerer Generationen oder Anmerkungen im Einband oder an den Seitenrändern.

Zu den verschiedensten Anlässen wie Geburt, Taufe, Begräbnis, Kriegsnot und Friedenszeiten oder Reisen fanden die Menschen über Generationen hinweg in den Liedertexten Trost und Erbauung. Und nicht zuletzt sind die Gesangbücher Zeugnisse einer Gottesbegeisterung, wie sie der säkularisierten und sich aufgeklärt nennenden Neuzeit fremd ist.

Die Ausstellung ist noch bis zum 31. Mai 2004 (außer 5. Mai), Montag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr im Spiegelsaal des Schlosses Friedenstein Gotha geöffnet. Der Eintritt ist frei, Gruppenführungen nach Vereinbarung.
Kontakt und weitere Informationen:
Rupert Schaab,
Leiter der Forschungsbibliothek Gotha,
Tel: (0 36 21) 3 08 00,
E-Mail: bibliothek.gotha@uni-erfurt.de

Nachtrag: Im Jahr 2013 hat die katholische Kirche in Deutschland und Österreich ein neues Gesangbuch unter dem Namen "Gotteslob" eingeführt.
Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 17 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 22.04. 2004

Aktuelle Buchtipps