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Auf zwei Minuten

Kann denn Dummheit Sünde sein?

Dummheit könnte man auch die willentliche Verweigerung nennen, sich die Mühe des tieferen Nachdenken

Pater Damian

Finden Sie diese Frage unsinnig oder dumm? Nun, der große Theologe Thomas von Aquin fragt in seinem theologischen Hauptwerk: "Ist Dummheit (lateinisch stultitia) Sünde?" Und er bejaht die Frage. Was versteht Thomas unter Dummheit? Das Wort "dumm" ist ja in aller Munde. Und wir werden alle zugeben, dass wir schon oft dumm entschieden und gehandelt haben, dass wir kleine und große "Dummheiten" gemacht haben. ,,Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens", lautet eine bekannte Redensart. Zunächst schließt Thomas die Dummheit als Naturanlage aus, also die schwache Begabung, den niedrigen Intelligenzquotienten. Da kann ja von Sünde keine Rede sein, weil der Mensch dafür nicht verantwortlich gemacht werden kann.

Es geht hier um ein selbst gestaltetes Leben in Verantwortung vor sich selbst und vor Gott, so beschreibt Thomas die Dummheit: "Dummheit ist eine Erstarrung des Urteilssinnes, vor allem in Hinblick auf die höchste Ursache, die das Endziel und das höchste Gut ist." "Dummheit dieser Art verfehlt die Hauptsache: den lebendigen Zusammenhang des Menschen mit Gott" (Gottfried Bachl). Wie entsteht eine solche Dummheit? Wenn der Mensch seinen Sinn und sein Sinnen weglenkt von geistlichen Dingen und ,,sich in das Irdische versenkt". Thomas nennt die Dummheit daher eine "Tochter der Genusssucht." Dummheit könnte man also die willentliche Verweigerung nennen, sich die Mühe des tieferen Nachdenkens und Suchens zu machen. Man hat sich eingerichtet in dieser Welt des Vorläufigen und Oberflächlichen und ist satt und zufrieden. Es ist bequem, zu denken und zu handeln wie die große Masse, wie es gerade "in" ist.

In der Bibel ist öfter die Rede von "Torheit" und "töricht" die Rede. Die meisten Übersetzungen vermeiden das Wort "dumm" weil es wohl doch zu krass ist. So kennen wir das Gleichnis Jesu von den zehn Jungfrauen, von denen fünf klug und fünf töricht waren. In anderen Übersetzungen werden die törichten Jungfrauen "unverständig", "aberwitzig" "gedankenlos" genannt. Im Sinne von Thomas waren sie dumm: Sie sind zu wenig wach, zu wenig offen für das entscheidende Ereignis. Das Gleichnis richtet sich nicht gegen das Schlafen und gegen natürliche Ermüdungserscheinungen. Wachsam und klug sein heißt in diesem Gleichnis: Ernsthaft damit zu rechnen, dass das Reich Gottes noch nicht vollendet ist, dass es noch eine Zukunft hat. Dass "der Bräutigam" noch aussteht, bedeutet für den Einzelnen auch, dass er jederzeit mit dessen Ankunft in seinem Leben rechnen muss.

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 16 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 15.04.2004

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