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Die Gesellschaft braucht die Christen

Bischof Joachim Wanke plädiert für eine Koalition von Christen und Nichtchristen

Angebote für Nichtchristen: Veranstaltungen wie der Segnungsgottesdienst für Paare am Valentinstag sollen besonders auch nicht christliche Menschen ansprechen und gehören inzwischen selbstverständlich zum kirchlichen Alltag.

Erfurt (as) -Das Evangelium auf den Leuchter stellen auch für Nichtchristen, die Frohe Botschaft öffentlich bekannt machen: Seit Jahren ist dies Anliegen des Erfurter Bischofs Joachim Wanke. Angebote für Nichtchristen wie Segnungsgottesdienste am Valentinstag, Weihnachtslob oder Totengedenken gehören in dem Thüringer Bistum inzwischen selbstverständlich zum kirchlichen Alltag.

Und dass die Kirchen nach wie vor gefragt sind, zeigte sich in Erfurt im April 2002, als der Schüler Robert Steinhäuser in kürzester Zeit 16 Menschen erschoss. Trost in ihrer Trauer suchten die Menschen vor allem in den Kirchen.

Welche Werte haben Christen zu vermitteln?

Was aber, so fragte Bischof Wanke unlängst bei einem Vortrag auf Einladung des Akademikerkreises Friedrich Dessauer in Erfurt, können die Christen in die Gesellschaft einbringen? Welche Werte haben sie zu vermitteln, die auch für andere, nicht christliche Menschen gelten können? Die Gesellschaft braucht die Christen, ist sich der Erfurter Bischof sicher. Und die Vermittlung christlicher Werte sei von vielen Menschen sogar ausdrücklich erwünscht.

Dennoch bleibt für den Bischof ein dringendes Problem bestehen. "Je mehr Christen gesellschaftlich in eine Minderheitenrolle geraten, desto stärker erhebt sich die Frage, ob christliche Wertvorstellungen noch für alle anderen Menschen verbindlich sein können." Vor diesen Fragen stünden vor allem kirchliche Einrichtungen mit öffentlichkeitswirksamem Charakter wie Schulen, Krankenhäuser, Seniorenheime oder Berufsbildungszentren. Wanke: "Können wir uns christlich nennen, wenn immer mehr Nichtchristen oder kirchlich nicht Engagierte als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren Einrichtungen tätig sind?" Die entscheidene Frage aber sei: "Es ist die Frage nach dem, was Gesellschaft überhaupt zusammenhält", so der Bischof.

Fest steht: Die Gesellschaft ist heute einem tiefgreifenden Wertewandel unterworfen, der sich nicht mehr so leicht kanalisieren lasse. Selbst Artikel 1 der Verfassung "Die Würde des Menschen ist unantastbar" gehe von einem bestimmten Menschenbild aus, dessen allgemeine Selbstverständlichkeit nicht mehr vorausgesetzt werden kann.

Wertewandel und gesellschaftlicher Wandel stehen für Bischof Wanke in einem unmittelbaren Zusammenhang. "Veränderungen im politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Umfeld lassen immer auch Veränderungen in den Wertvorstellungen und Verhaltensnormen erwarten." Die Verbreiterung der Bildung zum Beispiel lasse den Freiheitsraum wachsen.

Dadurch verändere sich das Anspruchsniveau in Bezug auf persönliche, aber auch gesellschaftlich- politische Freiheit. Faktoren, die ihrerseits wiederum Auswirkungen auf Partnerschaftsbeziehungen oder auf das Bindungsverhalten sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich habe. "Man kann sich mit Hilfe eines liberalisierten Scheidungsrechts schnell trennen. Aber die Kehrseite ist: Menschen stützen und tragen einander auch weniger. Die Ausweitung der Freiheitsräume bewirkt, dass Menschen weniger gebunden sind, aber auch eher allein gelassen werden." Ein tief greifender gesellschaftlicher Wandel vollzieht sich nach den Worten des Bischofs auch in der modernen Arbeitswelt. Die Automatisierung und Computerisierung setzt den Menschen zunehmend von Arbeit frei, was vor allem Auswirkungen auf die Freizeitkultur hat. Die Arbeit werde nicht mehr als der vorrangige Ort der Lebenserfüllung gesehen -der Wertewandel könne also heute nicht nur unter moralischem Gesichtspunkt gesehen werden.

Christliches Menschenbild als Grundlage

Dieser Wertewandel, der nicht nur ins öffentliche, sondern auch in das private Leben eingreift, sei besonders eine Herausforderung für die Christen, die ja ein Teil der Gesellschaft sind. "Was können Christen dazu beitragen, den Willen zum Zusammenhalt in der Gesellschaft zu stärken beziehungsweise stabil zu halten?", fragt der Bischof. "Könnten Nichtchristen und Christen aufgrund ethischer Wertvorgaben zu Koalitionspartnern werden bei der Aufgabe, Gesellschaft ethisch zu fundieren?"

Vor allem im Blick auf das christliche Menschenbild könne es zu einer Begegnung zwischen Nichtchristen und Christen kommen, ist sich Bischof Wanke sicher. Geschöpflichkeit -positiv wie negativ, Würde und Verant- Christliches Menschenbild als Grundlage wortung des Menschen, aber auch das Drama von Schuld und Versagen, Schuld und Vergebung sind die Eckpunkte der christlichen Sicht des Menschen, Wertvorstellung, die auch aus einer humanistischen Perspektive geteilt werden können.

Hier versucht Wanke eine Brücke zu schlagen. "Was verbindet Christen und Nichtchristen?" Zunächst: Die Anerkennung des Mitmenschen als meinesgleichen. Dieser schon in der Goldenen Regel und im biblischen Gebot der Nächstenliebe verankerte Grundsatz, erfahre in der neuzeitlichen Diskussion um die Menschenwürde und Menschenrechte eine besondere Bedeutung. Jede Rechtsordnung müsse daher "auf der fundamentalen und absolut bindenden Anerkennung der Würde jedes Menschen aufbauen".

Ein Zweites: Die Anerkennung des Leidens des Anderen Menschen. Hier sieht der Bischof die Brücke zu einem Ethos, der sich nicht religiös definieren will. "Das Leid des Anderen als Antrieb für mein eigenen ethisches Verhalten." Es habe nicht nur zu gelten, dass die Freiheit immer auch durch die Freiheit des Anderen (Rosa Luxemburg), sondern auch, dass "meine Freiheit" auch durch das Leiden desAanderen begrenzt ist. Autonomie und Emanzipation würden zur Farce, wenn sie sich über das bestehende Leid hinwegsetzen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 16 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 15.04.2004

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