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Blümchenkaffee zur Bausitzung

Erinnerungen an den Wiederaufbau der Katholischen Kirche

Dresden - Ein außergewöhnliches Bauwerk, das außergewöhnlichen Einsatz auch bei seinem Wiederaufbau erforderte. Nicht nur an jenem Tag im Jahr 1964. Vom Georgentor beobachtete Baumeister Hermann Ulrich, wie sich eine gefährliche Windhose der Katholischen Hofkirche näherte. Dass die noch nicht befestigten Kupferbleche der Dachbedeckung vielleicht ein wenig dünn sein könnten, hatte er von Anfang an geahnt. Als aber die Ausläufer des Sturmes unter die Bleche fuhren und die ersten von ihnen anhoben, wurde die Ahnung zur bösen Gewissheit. Die Zimmerleute waren die letzte Rettung. Aufs Dach, schnell, rief Ulrich ihnen zu. Alle neun stürzten nach oben und legten sich mit ausgebreiteten Armen und Beinen auf die Bleche. Dank dieser Kühnheit blieb das Dach unversehrt.

Manchmal klingt es fast abenteuerlich, wenn Denkmalpfleger Gerhard Glaser sich an die Jahre 1964 bis 1978 erinnert, als er für den Wiederaufbau der Hofkirche verantwortlich war. Zuvor konnte vieles nur provisorisch repariert werden. Die Zerstörungen in der Bombennacht des 13. Februar 1945 waren verheerend. Zwar stand die Kirche noch. Aber Propst Willibrord Sprentzel sah am nächsten Morgen das ganze Ausmaß: "Der Blick durch das offene Hauptportal mit verbrannten Türen zeigte im Hauptschiff einen übermannshohen Schutthaufen, der ausgebrannt war".

Schon in den Tagen nach der Zerstörung begannen die ersten Aufräumungsarbeiten. "Wären nicht diese Frauen und Männer der ersten Stunde gewesen, die staatlichen Stellen und die Handwerker, hätten wir vieles heute nicht mehr", meint Glaser. Am 17. Juni 1945 versammelte sich der Rest der Gemeinde in der weitgehend verschont gebliebenen Benno-Kapelle zum ersten Gottesdienst. Im September wurde die Nepomuk-Kapelle aufgeräumt, im Winter 1946 das linke Seitenschiff aufgebaut. Am Pfingstsonntag 1947 konnte hier erstmals ein Hochamt gefeiert werden. Im Winter 1948/49 setzten Handwerker die große Sakristei instand. Der Aufbau des südlichen Seitenschiffes war 1949 abgeschlossen. Im Jahr darauf schwebte die Richtkrone über dem Dach des Hauptschiffes.

Propst Sprentzel zeigte eine beinahe sprichwörtliche Sparsamkeit. Jede aufgebrachte Mark sollte zuerst dem Wiederaufbau der Kirche dienen. "Bei den Bausitzungen gab es immer nur sehr dünnen Kaffee", erinnert sich Glaser. Das Geld war knapp, Baumaterial zu beschaffen sehr mühsam. Seit der sächsischen Verfassung von 1831 sorgt der Staat für den Erhalt des Kirchengebäudes. Die DDR hielt es so, dass staatliche Mittel für die äußere Wiederherstellung verwendet wurden, die katholische Kirche weitgehend für die Innenausstattung aufkommen musste. "So bezahlte die katholische Kirche etwa ein Drittel, zwei Drittel waren staatliche Gelder", sagt Glaser. Zur Weihe des Hochaltars am 8. Juli 1962 drängten sich viereinhalbtausend Menschen in der Kirche. Im Oktober 1965 begannen Steinmetze damit, die ersten der insgesamt 78 Sandsteinfiguren von Lorenzo Matielli auszubessern. 13 davon waren 1945 total zerstört worden, nur neun waren unbeschädigt geblieben, erinnert sich Glaser. So mussten etliche der Figuren kopiert werden. "Die Crux war von Anfang an, dass die italienischen Bildhauer gewohnt waren, in Marmor zu arbeiten. Gewänderfalten und andere Teile haben sie sehr fein ausgeführt. Bei Sandstein aber ergeben sich daraus große Probleme für die Erhaltung."

Unter den Ersten, die wieder ihren alten Platz einnahmen, war die Figur des Gründers des Jesuiten-Ordens, Ignatius von Loyola. Empor gehievt wurde er 1967, an einem arbeitsfreien Sonnabend, nachts. Mit einem englischen Autokran, dem einzigen dieser Größe, den es in der DDR gab. Dazu mussten die Oberleitungen der Straßenbahn auf der Seite zum Theaterplatz abgebaut werden.

Ab 1990 konnten beim Wiederaufbau größere Schritte gemacht werden. 1991 begann die Restaurierung von Turm, Dächern, Außenwänden. Höhepunkt im Inneren: Nach zwei Jahren Arbeit wurde 1999 die Stuckdecke fertiggestellt, so wie sie der italienische Architekt Gaetano Chiaveri geplant hatte, wie sie aber nie ausgeführt worden war.

Tomas Gärtner

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 12 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 23.03.2001

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