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Jesus, der Unruhestifter

Die Passion aus der Sicht einer jüdischen Theologin

Dresden -Jesus wurde nicht für ein vom ihm begangenes Verbrechen mit der Kreuzigung bestraft. Seine Hinrichtung war vielmehr eine Vorsichtsmaßnahme, die die Verantwortlichen der Stadt Jesusalem ergriffen: Angesichts der zum Passahfest angespannten Sicherheitslage in Jerusalem wollten jüdische und römische Obrigkeit Unruhen auf jeden Fall vermeiden. Jesus hätte aber eine gefährliche Revolte anzetteln können. Diese galt es zu verhindern. Der Preis dafür war Jesu Tod. -So lässt sich zusammenfassen, was die Historikerin und jüdische Theologin Chana Safrai (Jerusalem) zum Thema "Der Prozess Jesu. Die rechtlichen und sozialen Perspektiven der Prozessgeschichte" zu sagen hatte. Eingeladen war sie von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit nach Dresden, um aus ihrer jüdischen Perspektive einen Beitrag zum Verständnis der Passion Jesu zu leisten. Angesichts der in den Kinos laufenden Mel-Gibson-Passion und des damit verbundenen Antisemitismus-Vorwurfs ein wichtiges Thema.

Chana Safrai nahm die Zuhörer mit auf eine Reise in das Jerusalem zur Zeit Jesu. Die Stadt bereitet sich auf die Feier des Passahfestes vor. Dieses höchste jüdische Fest durfte damals nur in Jerusalem gefeiert werden. Und so kamen jährlich bis zu 180 000 Pilger in die 50 000-Einwohner-Stadt. Viele hatten eine wochenlange Reise hinter sich, um diesen religiösen Höhepunkt mitzuerleben. In der Stadt war es heiß und eng. Die sanitären Bedingungen waren schlecht. Einheimische und Touristen mussten für das Fest noch manche Vorbereitung treffen, Essen und Getränke kaufen. Und wenn man als Fremder nun schon einmal in Jerusalem war, wollte man auch den Tempel besichtigen.

Passah -das waren gefährliche Tage. Diejenigen, die für die Sicherheit in der Stadt verantwortlich waren, wussten das. Es galt das Chaos, so gut es eben ging, im Griff zu behalten. Die Römer hatten Angst, einer der vielen Messiasse oder die Zeloten könnten das Durcheinander nutzen und eine Rebellion anzetteln. Das wäre eine gefährliche Situation für die Besatzer und ihren Befehlshaber Pontius Pilatus. Sicherheitshalber wurden in jedem Jahr zum Passah zusätzliche Soldaten in die Stadt abkommandiert.

Besorgt war auch die Tempelaristokratie. Die Pilger mussten versorgt und bei Laune gehalten werden. Hauptsache es bricht nicht noch eine Epidemie aus, und die Leute werden unrein, so dass sie den Tempel nicht betreten dürften. In solchen Fällen hatte man in vergangenen Jahren schon einmal die Gesetze außer Kraft gesetzt, für deren Einhaltung bis aufs kleinste Jota man ja sonst eintrat.

Und dann passiert es: Im Tempel taucht Jesus auf. Und natürlich sorgt er für Unruhe! Jesus war durch die Einsamkeit der Wüste gezogen, hatte seine Gotteserfahrung bei Johannes dem Täufer gemacht. Und nun kam er an den Ort, wo Gott sein sollte, in den Tempel. Dieser aber glich eher einer Markthalle. Und statt der Stille eines Gotteshauses schlug ihm der Lärm der Verkaufsgespräche, das Gelächter angeregter Unterhaltungen und die staunenden Bewunderungs-Ausrufe der Tempel-Touristen entgegen. Jesus packt die Wut. Wo soll hier Gott wohnen? Er schmeißt die Tische der Händler um und wirft das Geld durch die Gegend. "Stellen Sie sich einmal vor, jemand würde bei Ihnen im Gottesdienst die Kollekte nehmen und durch die Kirche werfen", vergleicht Chana Safrai.

Dieser Jesus war gefährlich. Und er hatte Anhänger um sich geschart. War er nicht bei seinem Einzug in die Stadt begeistert von den Massen gefeiert worden? Es könnte für ihn ein Leichtes sein, seine Anhänger aufzuwiegeln und eine Revolte anzuzetteln. Gefährlich war er auch, weil er wohl ein bisschen geisteskrank sein musste. Hatte er sich nicht kürzlich vor den riesigen Tempelbau gestellt und allen Ernstes behauptet, er werde den Tempel einreißen und in drei Tagen wieder aufbauen? "Lächerlich, und ein bisschen verrückt halt. Aber gefährlich!" So einen Mann musste man aus dem Verkehr ziehen. Sicherheitshal-ber. Damit nicht Schlimmeres passiert.

Also wurde Jesus verhaftet. "Dabei spielten die Hohenpriester eine ungute Rolle", sagt die Jüdin Chana Safrai. Deshalb aber bis heute alle Juden für den Tod Jesu verantwortlich zu machen, ist für sie genauso absurd, wie die Schuld Pilatus und den Römern zu geben und deshalb nach 2000 Jahren noch immer die Italiener zu hassen. Fakt ist, Jesus war den Hohenpriestern ein Dorn im Auge, weil er sich in den Auseinandersetzungen, die damals zwischen den verschiedenen theologischen Schulen des Judentums herrschten, nicht auf die eine oder andere Seite stellte, schon gar nicht auf ihre. Und mit der Todesstrafe gingen die Hohenpriester auch nicht so zimperlich um wie etwa die Pharisäer.

Vielleicht war die Angst vor dem Unruhestifter Jesus für die Tempelaristokratie ein willkomener Anlass, um sich seiner zu entledigen. Dazu konnte man sich des römischen Statthalters Pilatus bedienen, der vor den Hohenpriestern einen gewissen Respekt hatte. Pilatus gilt als gewalttätig, blutrünstig und gefährlich, er lässt sich von der Menge beeinflussen und will seinem Imperator seine Ergebenheit beweisen. Diese Charakterzeichnung entspricht den biblischen Schilderungen und denen damaliger Historiker. Pilatus war genauso klar wie der Tempelaristokratie: Bei Jesus geht es um die Frage von Macht und Gewalt. Da hat man keine Zeit für Kleinigkeiten. "Es ist besser, dass ein einziger Mensch für das Volk stirbt" (Joh 18,14).

Allerdings gibt es auch jüdische Historiker, die die Ansicht vertreten, dass der Hohenpriester Jesus die Chance geben wollte, "seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen", sagt Chana Safrai, auch wenn sie diese Ansicht nicht teilt. Jesus jedenfalls hat nicht mitgespielt. "Vielleicht war er so verrückt, dass er nicht gemerkt hat, dass es ernst war."

Keine der vier biblischen Passionsgeschichten rechtfertigt es, die Juden bis heute pauschal für den Tod Jesu verantwortlich zu machen, heißt Chana Safrais Fazit. Keines der Jesus zur Last gelegten Verbrechen war so schwer, dass er dafür nach jüdischem Recht mit dem Tod bestraft werden musste. Chana Safrai: "Es war wohl eine Kombination aus all diesen Vorwürfen und der Angst vor einer Revolte, die zu der Allianz zwischen Tempelaristokratie und römischen Besatzer führte, in deren Folge Jesus gekreuzigt wurde."

Matthias Holluba

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 15 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Dienstag, 06.04.2004

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