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Auf zwei Minuten

Du bist ein von Gott geliebter Mensch

von Pater Damian

Pater Damian Meyer Ein alter amerikanischer Missionar, der in Taiwan ein Heim für Waisen und Halbwaisen und Jungen aus zerrütteten Familien leitete, pflegte den Kindern zu sagen: "Von keinem von euch will ich hören: Ich habe keinen Vater, keine Mutter.' Ihr alle seid geliebte Kinder Gottes, der euch Vater und Mutter ist!"
Man mag diese Aussage in pädagogischer Hinsicht für zu direkt und nicht sehr geschickt halten, sachlich aber ist sie eine wesentliche Wahrheit über den Menschen. Es ist eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens: Tiefster Sinn liegt im Empfangen und Weitergeben von Liebe.
Die kulturelle beziehungsweise religiöse Konsensformel unserer modernen Gesellschaft heißt anders: Das Leben hat nur einen Sinn, wenn man ihm selbst einen Sinn gibt. Diese Auffassung liegt im Trend des Denkens und der religiösen Praxis vieler Menschen. Sie bauen sich aus den Teilstü-cken verschiedener Weltanschauungen, Philosophien und Religionen ihre eigene Lebensphilosophie zusammen.
Es ist sicher richtig, dass der Mensch selbst verantwortlich sein Leben planen und sich selbst sinnvolle Ziele setzen soll. Aber ist er im Letzten damit nicht überfordert? Eine eigenständige Sinngebung meines Lebens kann ich nur bedingt verwirklichen, und durch den Tod wird sie radikal in Frage gestellt. Tod und Sterben künden sich schon früh an in - sinnlos erscheinender - Krankheit und im Leid, in Schwäche und Hinfälligkeit, im Abschiednehmen von geliebten Mitmenschen. Das Leben hat nur dann einen Sinn, wenn dieser über den Tod hinaus gilt.

In der Begegnung mit Gefangenen der Justizvollzugsanstalt komme ich öfter auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu sprechen. Manche, vor allem junge Menschen, haben große Träume und Pläne für ihr späteres Leben, andere "backen kleine Brötchen" und haben sehr bescheidene Perspektiven, viele sehen für sich aber kaum eine Zukunft und haben es aufgegeben, nach dem Sinn des Lebens zu fragen oder Pläne zu machen. Und gerade den Letzteren versuche ich zu sagen: Du musst zunächst einmal deine Lebenswirklichkeit annehmen, aber dein Leben ist nicht verpfuscht, was immer auch ein Gericht über dich bestimmt. Du bist in den Augen Gottes wertvoll und von ihm angenommen mit deiner ganzen Lebensgeschichte. Gott liebt dich, und er gibt dir Zukunft!

Wer diese Liebe gläubig und vertrauensvoll annehmen und weitergeben kann, für den ist das Leben immer sinnvoll.

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 24 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 14.06.2001

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