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Der Moderator der "samtenen Revolution"

Weihbischof Vaclav Maly war eine wichtige Figur der Wende in der CSSR

Er hätte im Nachwende-Tschechien ein wichtiger Politiker werden können. Und mit dem Gedanken hat Vaclav Maly auch gespielt. "Doch diese größte Versuchung meines Lebens dauerte nur einige Tage", gesteht der heute 53-Jährige während einer Tagung der Katholischen Akademie Berlin zum Thema "Christliche Dissidenten 1989 und die EU-Osterweiterung". "Meine Liebe zum Altar war größer", meint Vaclav Maly. Und so blieb er, was er war - Priester. Heute ist er Weihbischof in Prag. Und einer, der auch als einfacher Bürger zeigen will, dass man verantwortungsvoll die Gesellschaft mitgestalten kann.

Solches Engagement ist für ihn nichts Neues, denn seit Mitte der 70er Jahre war er in der damaligen Tschechoslowakei politisch aktiv. Vaclav Maly gehörte - damals war er erst wenige Monate Priester - zu den Unterzeichner der Charta 77. Die Rache des Staates folgte auf dem Fuß: Man entzog ihm die in der CSSR notwendige Staatsbewilligung zur Ausübung des Priesterberufes. Wenn er in den folgenden Jahren nicht gerade verhaftet war, unter Hausarrest stand oder zu einem seiner insgesamt 240 Verhöre musste, arbeitete er als Heizer in einem Prager Hotel, als Hilfsarbeiter bei der U-Bahn oder als Toilettenmann. Als Priester konnte er nur noch im geheimen Untergrund tätig sein, beispielsweise wenn er heimlich in einer Privatwohnung Gottesdienst feierte.

Daneben engagierte er sich für die Charta 77, zeitweise war er Sprecher der Bewegung. "Nachdem die Tschechoslowakei die KSZE-Schlussakte unterschrieben hatte, habe ich mir gesagt, ich muss jetzt die auf dem Papier garantierten Menschenrechte auch einfordern", begründet er sein Engagement. Damit stieß er auch in seiner Kirche nicht immer auf Wohlwollen, schließlich gehörten zu den Charta 77-Unterzeichnern auch Kommunisten, die in den 50er und 60er Jahren die Kirche in der CSSR einer der härtesten Verfolgungen in den Ostblockländern ausgesetzt hatten. Maly betonte immer wieder: "Mir geht es um die Sache, um die Verteidigung der Menschenrechte." Kirche dürfe nicht nur für ihre eigenen Belange eintreten, sondern müsse für alle Menschen da sein.

Eine Aufgabe, die umso wichtiger war, weil in Prag kommunistische Betonköpfe an der Macht waren. "Berlin, Prag, Bukarest - das war die Achse gegen die Perestroika", meint Maly. Und als im Laufe des Jahres 1989 der Ostblock stückchenweise zusammenbracht, blieb in der CSSR noch lange alles beim Alten: Polen hatte schon einen nichtkommunistischen Regierungschef, in der DDR war die Mauer offen und Ungarn hatte den Titel Volksrepublik abgelegt, da wurden in Prag am 17. November bei einer Demonstration protestierende Studenten niedergeknüppelt. Die Folge war, dass sich Zehntausende auf dem Wenzelsplatz versammelten und Veränderungen forderten. "Ich gehörte zur engen Gruppe um Vaclav Havel. Wir haben uns damals gesagt, wir müssen diesen Demonstrationen ein Ziel geben." Und schon stand Vaclav Maly neben Vaclav Havel, dem späteren Staatspräsidenten, auf einem Balkon eines Hauses am Wenzelsplatz. "Du bist Priester. Du kannst reden", haben die anderen zu ihm gesagt. Und so moderierte Vaclav Maly vom Balkon am Wenzelsplatz eine Woche lang die "samtene Revolution". Dann war auch in Prag das Ende des Kommunismus besiegelt.

Seine Entscheidung, damals nicht in die Politik gegangen zu sein, hat er nicht bereut. Das politische Geschehen beobachtet er mit offenen Augen weiter und weist dabei auch immer wieder auf notwendige Veränderungen hin. Beispielsweise, wenn er sich gegen das Verdrängen der Vergangenheit ausspricht, weil die Aufgaben der Gegenwart und Zukunft wichtiger seien. "Die nächste Generation wird uns fragen, was wir in der kommunistischen Zeit gemacht haben."

Tschechien gehört heute neben Ostdeutschland zu den religionslosesten Gebieten Europas. Hat der Kommunismus also letztlich doch gesiegt, wird Vaclav Maly während der Berliner Akademietagung gefragt. "Es ist gut, dass die Kirche nicht mächtig ist. So können wir jetzt endlich überzeugend unseren Glauben leben", antwortet er. Einige Zuhörer in Berlin hat er schon überzeugt. Ein Teilnehmer aus Polen meinte: "Einen solchen Bischof wünsche ich mir für meine Kirche."

Matthias Holluba

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 15 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 07.04.2004

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