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Auf zwei Minuten

Das Kreuz hat keinen Handgriff

Was die Einzigartigkeit und Identität des christlichen Glaubens ausmacht, ist der Kreuzestod Christi

Pater Damian

Am Karfreitag richten wir unseren Blick auf das Kreuz Christi. Der seiner Kleider beraubte Jesus hängt dort nackt und entblößt, hilflos angenagelt ans Holz, von Zuschauern verhöhnt und verspottet. Das ist die nackte Wahrheit: Der Sohn Gottes liefert sich gewaltlos den Menschen aus: "Da er die Seinen in der Welt liebte, so liebte er sie bis zum Ende" (Joh 13,1).

Im Gegensatz zu den Stiftern anderer Religionen fällt in Jesu Person die Spannung von Leben und Lehre zusammen. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Er selbst in seiner Person macht die Einzigartigkeit unseres christlichen Glaubens aus. Das ruft Staunen und Bewunderung, aber auch Ärger hervor: Das Ärgernis des Kreuzes. Der heilige Paulus hat in seiner Verkündigungsarbeit erfahren, wie schwer die Botschaft vom Kreuz zu vermitteln ist. Es ist eine Wahrheit gegen die "Weisheit der Weisen": ,,Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkünden Christus als den Gekreuzigten: Für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit" (1 Kor 1,17).

In den großen Weltreligionen gibt es viel Gemeinsames, was eine Zusammenarbeit für eine gerechtere und friedvollere Welt ermöglicht. Es gibt viele Lebensweisheiten, die für den Einzelnen und die Gesellschaft von praktischem Nutzen sind. Was aber die Einzigartigkeit und Identität des christlichen Glaubens ausmacht, ist der Kreuzestod Christi, das einmalige und einzigartige Heilsereignis der Menschheitsgeschichte. Das Kreuz Christi darf nicht um seine Kraft gebracht werden, sagt Paulus (1 Kor 1,17). Der japanische Theologe Kosuke Koyama hat die Unvergleichlichkeit Jesu angesichts der großen asiatischen Religionen in seinem Buch mit dem Titel "Das Kreuz hat keinen Handgriff" so dargestellt: ,,Jesus, beladen mit dem Gewicht des klobigen, grifflosen Kreuzes - das ist unter dem Aspekt der Mission ein inhaltsschweres Bild, von dem Licht auf die theologische Bedeutung unserer Alltagssituation in Asien fällt. Das Bild etwa eines Jesus, der ein Kreuz so trägt wie ein amerikanischer Geschäftsmann in Hongkong sein Aktenköfferchen, ist theologisch steril und missionarisch abschreckend ...

Versieht man sein Kreuz mit einem Griff, so dass er es tragen kann wie ein Geschäftsmann sein Köfferchen, dann hat der christliche Glaube seinen Boden unter den Füßen verloren ...Ein solcher Jesus, der sein Kreuz trägt wie ein anderer sein Köfferchen - letztlich weist das auf einen Gott hin, der die Welt ebenso wie ein Mensch sein Köfferchen trägt - , bedeutet den Herzinfarkt des Glaubens ...In der Bibel hat das Kreuz keinen Griff. Lassen Sie es mich ganz deutlich sagen: Nach meinem Dafürhalten ist das Bild Jesu, der auf seinen Schultern das unerträgliche Gewicht des unförmigen Kreuzes schleppt - er wusste nicht, wie er es tragen sollte, aber jedenfalls trug er es ohne Griff -, von grundlegender Bedeutung."

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 14 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 01.04.2004

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