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Bistum Magdeburg

Selbstverständliches Miteinander

Magdeburg: Katholische Propstei war bei der evangelischen Domgemeinde zu Gast

Gottesdienst im Domremter zum Abschluss der gemeinsamen Zeit: Propst Kuschel dankt Domprediger Quast (rechts im Bild) und Domküster und Gemeindekirchenratsmitglied Jahn für die gewährte Unterstützung.

Magdeburg (ep) -Die katholische Magdeburger Propsteigemeinde St. Sebastian hat aus der Not eine Tugend gemacht: Weil St. Sebastian diesseits des Breiten Weges ein Dreivierteljahr lang renoviert und umgestaltet wurde, bat die rund 2400 Mitglieder zählende Pfarrei die auf der anderen Straßenseite liegende evangelische Domgemeinde um Gottesdienstquartier -und wurde mit offenen Armen aufgenommen.

"Wir haben selbstverständlich Gastfreundschaft gewährt, zumal wir schon über viele Jahre ein gutes ökumenisches Miteinander pflegen", sagt Domprediger Giselher Quast. "Allerdings", so der evangelische Geistliche, "machen wir diese Erfahrungen auf der Gemeindeebene. Insofern unsere Gotteshäuser gleichzeitig auch Bischofskirchen sind, können wir nicht alles so frei praktizieren, wie es mitunter weit weg von den Bischofssitzen möglich ist."

Kurzerhand ließ der evangelische Seelsorger im Juni vorigen Jahres im Schaukasten vor dem Dom die Überschrift "Simultankirche" sowie veränderte Gottesdienstzeiten anbringen. Um St. Sebastian mit 9 Uhr eine "menschliche" Zeit für die sonntägliche Eucharistiefeier einzuräumen, verschob die Domgemeinde ihren Gottesdienst auf 10.30 Uhr. Und auch eine Abendmesse konnte jeden Sonntag im gotischen Dom stattfinden. In der Sakristei wurde den katholischen Christen Platz für ihre Utensilien frei gemacht. Zu den jeweiligen Gottesdienstvorbereitungen der katholischen Gemeinde waren die Domküster stets zur Stelle. Im Sommer feierten die Katholiken im Hauptschiff oder im Hohen Chor des Domes die Messe, im Winterhalbjahr im geheizten Remter.

"Durch die Gastfreundschaft war es besonders für unsere gehbehinderten älteren Gemeindemitglieder eine echte Erleichterung, zur Messe in den Dom zu können", sagt Propst Josef Kuschel und ist für die "wirklich entgegenkommende Aufnahme" sehr dankbar. Auch Kuschel verweist auf die langjährigen guten ökumenischen Beziehungen. Wenn die Domgemeinde etwa mit dem Mauritiusfest das Patronat des Doms und des alten Erzbistums begeht, feierten seit vielen Jahren immer auch Gemeindemitglieder aus St. Sebastian mit. Oder als katholischer Propst habe er zum Beispiel schon zum Reformationsfest gepredigt. "Jedenfalls hatten wir im Dom ein gutes Zuhause für unsere Gemeinde", resümiert Kuschel und dankt ausdrücklich den Domküstern für ihre Unterstützung.

"Wir sind uns als Gemeinden durch den ständigen Kontakt nicht nur räumlich, sondern auch noch stärker als bisher menschlich näher gekommen" , sagt Dieter Müller von der St.-Sebastians- Gemeinde. "Das hat", so denke ich, "auch positive Auswirkungen auf das weitere Miteinander." Diese Meinung teilt auch Domküster Uwe Jahn.

"Wenn Nachbarn unter einem Dach ihre Gottesdienste feiern, entsteht die Frage: Warum feiern wir nicht zusammen?", sagt Domprediger Quast. "Denn einerseits haben wir miteinander eine größere Nähe, andererseits aber auch deutlicher die Trennung erlebt. Das äußerste Wagnis war die Feier von zwei teilweise gemeinsamen Haupt- Gottesdiensten: die Eröffnung der ökumenischen Friedensdekade am 9. November 2003 und ein Sonntagsgottesdienst jetzt am 7. März zum Abschluss der gemeinsamen Zeit."

"Für den Abschiedsgottesdienst hatten wir uns das Thema ,Im Glauben weitergehen' gewählt", so Propst Kuschel. "Wir haben im Remter gemeinsam Wortgottesdienst gefeiert, Domprediger Quast und ich haben je eine Kurzpredigt gehalten. Danach sind wir in einer Prozession in den Dom gezogen und haben getrennt an verschiedenen Altären Abendmahl beziehungsweise Eucharistie gefeiert. Dabei haben wir uns gegenseitig gehört und dadurch auch gestört und so den Schmerz der Trennung erlebt. Schließlich sind wir wieder im Remter zusammengekommen und haben den Gottesdienst mit Fürbitten füreinander und die Ökumene beendet."

"Die Gottesdienste waren für beide Gemeinden ein gutes und wichtiges Erlebnis", sagt Giselher Quast. "Während sich nach dem Ökumenischen Kirchentag wegen der dortigen eucharistischen Provokationen offiziell manches abgekühlt hat, sind wir sehr froh, dass wir hier bessere Zeichen setzen konnten und können." In den Fürbitten, mit denen der Abschiedsgottesdienst und die besondere gemeinsame Zeit ausklang, hieß es denn auch: "Gott, führe alle, die an dich glauben, immer näher zusammen. Lass uns gemeinsam Zeugnis geben von der Hoffnung, die uns erfüllt."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 14 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 01.04.2004

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