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Bistum Erfurt

Der Tutanchamun des Erfurter Doms

Ab 1. Mai ist der Hohe Chor der Bischofskirche wieder begehbar / Chorgestühl restauriert

Stück für Stück: Das Chorgestühl wird wieder aufgestellt.

Erfurt (ck) -"Was wollen Sie eigentlich mit dem Chorgestühl machen?", fragte Bischof Joachim Wanke an einem kühlen und trüben Oktobertag des Jahres 2002 den Chef seines Dombauamtes. "Nur etwas aufhübschen", antwortete Andreas Gold damals im abendlichen Dämmerlicht des Hohen Chors etwas voreilig, nicht wissend, "was da alles auf uns zukam".

Denn das Holz der 1328 gefällten und vermutlich 1350 bearbeiteten Thüringer Eichen, aus denen das gotische Chorgestühl einstmals gezimmert wurde, war rückwärtig von Holzwürmern zerlöchert und vom Schwamm befallen. Die 600 Einzelteile wurden deshalb in der Werkstatt des Hochheimer Restaurators Claudius Winter von Würmern, Staub und Bohnerwachs der Jahrhunderte befreit. Zum Vorschein kamen Reste von verschiedenen Farbanstrichen. So war der Baldachin einst wie die Decke des Chores hellblau ausgemalt und mit goldenen Sternchen versehen. Zum Schutz gegen erneute Feuchtigkeitsschäden wird das Gestühl jetzt nicht wieder an das Mauerwerk angelehnt, sondern an eine eigene tragende Konstruktion. Eine schwache Heizung sorgt dann auch noch für eine dauernde Luftzirkulation.

Wegen des Ausmaßes der Schäden, die oberflächlich so nicht absehbar waren, werkeln 19 Monate nach Beginn der Arbeiten an den dringend sanierungsbedürftigen Türmen immer noch die Fachleute in Erfurts Wahrzeichen. Aber auch schlechte Witterungsbedingungen haben zu einer Verzögerung geführt. "Insgesamt 17 Wochen sind während der Kälteperioden verloren gegangen, 14 konnten wir aufholen", berichtete Andreas Gold bei einem Pressetermin auf der Dombaustelle. Das reiche leider nicht, um den Hohen Chor, der für die Sanierung der Domtürme abgesperrt ist, pünktlich an Ostern zu öffnen. Zu Beginn des Marienmonats am 1. Mai soll die Hauptkirche nach einem Festgottesdienst dann aber wieder in allen Teilen begehbar sein. Denn zurzeit geht es auf der Dombaustelle nur noch um den Feinschliff.

Bereits jetzt ist der Turmhals zwischen Langhaus und Hohem Chor ausgerüstet und der neue Glanz der Türme sichtbar. Die tiefen Risse sind samt Gipsplomben verschwunden. Mit einer Putzkante an beiden Seiten wurden die Stellen markiert, wo früher vor dem Anbau des Hohen Chores die fast ein Meter dicke romanische Abschlusswand gestanden hat. Im Chor sind die Sandsteinwände gesäubert und im Ton der gotischen Originalfarbe lasiert worden.

Es gibt jetzt auch eine Induktionsschleife für Hörgeschädigte und keinen Meter altes Kabel mehr. Zusätzlich ist der Hohe Chor neu ausgeleuchtet. Mittels ausgeklügelter Technik wird der gotische Raum durch das Licht regelrecht erfahrbar gemacht. Und wenn Dompfarrer Reinhard Hauke oder einer der Küster in Zukunft auf einen Knopf drückt, dann können sie die unterschiedlichsten Beleuchtungen wählen: Normale Beleuchtung, für die Osternacht, den "normalen" Touristenverkehr oder eine Vesper-Beleuchtung ...

Beim Abbau des Chorgestühls fand sich auch eine arme Kirchenmaus, die schon vor über hundert Jahren das Zeitliche gesegnet haben muss. Die kleine Mumie wurde beim Pressetermin übrigens der Star der Fernsehteams -quasi ein kleiner "Tutanchamun" des Tierreichs.

Deshalb wird die Kirchenmaus jetzt auch neben anderen Fundstücken -wie einer alten Litaneifibel aus dem 17. Jahrhundert, Schuhen aus DDR-Produktion der fünfziger Jahre, Münzen aus verschiedenen Jahrhunderten und der fliegenden Variante der kleinen Kirchenmaus, einer toten Fledermaus, in einer Glasvitrine im Glockenturm ausgestellt. Seit zwei Wochen ist die Staubschutzwand vor dem Hohen Chor gefallen. "Aber so lange wir das Chorgestühl aufbauen, muss eine Absperrung stehen bleiben", sagt Andreas Gold.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 13 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 25.03.2004

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