Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Bistum Erfurt

Zurück blieb nur noch Ratlosigkeit

Die ARD zeigt einen Dokumentarfilm über den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium

Erfurt -"Der Mensch ist mehr als das Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse. Er kann sich zum Guten entscheiden, auch unter widrigen Verhältnissen. Der jugendliche Mörder von gestern wollte es nicht. Tausende andere junger Menschen aber tun dies. Das sollten wir auch in dieser dunklen Stunde nicht vergessen" -einen Tag nach dem Massaker des Massenmörders Robert Steinhäuser, dessen unfassbare Tat am 26. April 2002 Erfurt und die Welt erschütterte, traf Bischof Joachim Wanke diese klare und eindeutige Feststellung vor 5000 trauernden Menschen im Vesper-Gottesdienst im Erfurter Dom.

"Manchmal bin ich schwer zu ertragen..."

726 Tage nachdem der Ex-Gymnasiast Steinhäuser das Leben von 16 Menschen auslöschte, wird die ARD am Mittwoch, den 21. April 2004 um 23 Uhr, den Dokumentarfilm "Schrei nach Veränderung" zeigen, allerdings unter der publikumswirksameren Ankündigung: "Amok in der Schule -Die Tat des Robert Steinhäuser".

Die Filmpremiere war bereits jetzt -689 Tage nach den Schüssen, öffentlich und im gut gefüllten Audimax der Erfurter Universität vor 800 Zuschauern zu sehen.

Zitate aus einem Deutschaufsatz des Robert Steinhäuser -gelesen vom Rockbarden Herbert Grönemeier -stehen am Anfang und am Ende des 90- Minuten-Streifens der Berliner Dokumentarfilmer Knut Beulich und Thomas Schadt.

"Ich denke, ich stehe noch am Anfang meines Lebens. Zurzeit versuche ich, mein Abitur so gut als möglich zu schaffen. Ich sehe mich als Mensch, der seine Macken hat. Manchmal bin ich schwer zu ertragen, aber ich habe auch meine guten Seiten -so meinen Humor", schrieb Robert Steinhäuser in der elften Klasse, kurz darauf flog er wegen Fälschung eines ärztlichen Attests vom Gutenberg-Gymnasium. Sechs Monate später ging er als Massenmörder in die Kriminalgeschichte ein.

"Das Ziel des Filmes ist es, nach den tieferen, gesellschaftlich bedingten Ursachen des Amoklaufs zu forschen -ohne Schuldzuweisungen und mit distanziertem Respekt gegenüber den befragten Opfern, Zeugen und Verwandten", erklärte Filmemacher Thomas Schadt im Pressegespräch. "Unser Herangehen war kooperativ, nicht konfrontativ. Wir wollten den Menschen Raum geben, ihre Geschichte zu erzählen."

Sie fanden nach langen vertrauensbildenden Maßnahmen Gesprächspartner: Uta Wolff, deren Mann Peter Wolff erschossen wurde, Robert Steinhäusers ehemalige Klassenlehrerin Christina Welkow, die am Mordtag zufällig nicht in der Schule war, Detlef Baer, dessen Frau Ivonne-Sophia Fulsche-Baer ermordet wurde, Rechtsanwalt Eric Langer, dessen Lebensgefährtin Birgit Dettke erschossen wurde, Schulleiterin Christiane Alt, Schüler, die Eltern, den Bruder von Robert Steinhäuser und die evangelische Pastorin Ruth E. Schlemmer. Die Eltern Steinhäusers baten um visuelle und akustische Anonymität, Schauspieler sprechen im Film ihre Äußerungen nach.

Robert Steinhäusers Klassenlehrerin Christina Welkow erinnert sich vor laufender Kamera: "Robert war intelligent, aber ein riesiges Faultier. Mit seinem Charme hat er es stets geschafft, versetzt zu werden." Ein Psychopath sei Steinhäuser nicht gewesen, lautet auch ein Fazit der Filmemacher.

Eineinhalb Jahre arbeiteten Knut Beulich und Thomas Schadt an ihrem Werk und nahmen das Dreiecksverhältnis Schüler, Lehrer und Eltern unter die Lupe. Beulich ist sich sicher: "Denn daher rührt die destruktive Energie. Es ging uns hauptsächlich um Authentizität des Dokuments, auch wenn dies auf Kosten der Dramaturgie ging. Alle Aussagen des Films sind aus erster Hand und ohne Zuspitzungen und Verschärfungen."

Nach dem Film gab es Beifall und kaum Kritik. Die Hälfte der Zuschauer ging schweigend und betroffen nach Hause und nahm nicht an der Diskussion teil. Zu emotional aufwühlend sind die Interviews.

Die Stärke des Films ist zugleich auch seine Schwäche. Denn die Autoren streuen Fragen aus und lassen die Antworten der Betroffenen im Raum stehen. Denn für sie gibt es noch keine wirkliche Erklärung, nur schemenhafte Annäherungen an die abgründige, unerklärbare und unbegreifliche Tat. Den Filmemachern "geht es nicht um Schuld, es geht ihnen um Versäumnisse", wie sie es nennen. Sie wollten "das Thema erweitern, dass es überall Gültigkeit bekommt und niemanden ausgrenzt".

Für Antworten ist die Zeit noch nicht reif

Schadt bekennt am Ende der kurzen Fragerunde fast ohnmächtig: "Die Zeit ist nach zwei Jahren noch nicht für Antworten reif. Wir müssen erst noch Fragen stellen. Unsere Kommunikation muss sich bessern, jeder muss mit seiner Umgebung Kontakt aufnehmen." Und nur am Rande der Diskussion gibt er zu bedenken, dass "die individuelle Disposition des Menschen vielleicht in der Debatte eine unterschätzte Rolle spielt".

Was zwei Jahre nach der Tat und auch nach dem Film "Schrei nach Veränderung" im Audimax der Universität Erfurt zurück bliebt, war Ratlosigkeit und Verzweiflung vereinzelter Individuen einer säkularisierten, sich rational und aufgeklärt nennenden Gesellschaft, die bei solch monströsen, archaischen Taten des Bösen mit ihrem (eh schon lange nicht mehr präsenten) Latein am Ende zu sein scheint.

Bischof Joachim Wanke versuchte in der Vesper -einen Tag nach der Tat -das Unfassbare mit tröstlichen Worten zu bannen: "Entsetzen, Ratlosigkeit und Trauer -das sind die vorherrschenden Emotionen, die die Nachricht von der schrecklichen Bluttat in unserer Stadt am gestrigen Tage in mir auslöste. Entsetzen darüber, dass ein junger Mensch zu einem solchen Verbrechen fähig ist; Ratlosigkeit darüber, wie diese Tat erklärt werden kann und Trauer über die Toten und Mitgefühl für die betroffenen Familien ...

Unsere Kirchen, ob evangelisch, katholisch oder freikirchlich, sind merkwürdigerweise bei solchen Ereignissen, wie wir sie gestern erleben mussten, von vielen Menschen gefragt. Vielleicht spricht sich darin das sonst im Alltag verschüttete Wissen aus, dass es inmitten des falschen Lebens richtiges Leben gibt, geschenktes, von Gott geschenktes Leben -auch für die Toten."

Carsten Kießwetter

Hinweis: Die ARD zeigt den Dokumentarfilm "Amok in der Schule -Die Tat des Robert Steinhäuser" ("Schrei nach Veränderung") von Thomas Schadt und Knut Beulich am 21. April um 23 Uhr im Ersten Deutschen Fernsehen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 0 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 18.03.2004

Aktuelle Buchtipps