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"Gut, dass man auch vergessen kann"

Die Bausoldaten waren die Exoten der NVA - Im September soll es einen bundesweiten Bausoldatenkongre

Heute...: Harald Ipolt mit seinem jüngsten Sohn Markus und Frau Martina.

Berlin / Gotha -Für die einen waren sie Drückeberger und Feiglinge. Für andere Exoten in einer Welt, in die sie nicht so recht zu passen schienen, denen man aber Respekt zollte. Und für sie selbst war ihr "Dienst" das kleinere Übel, die einzige Alternative in einem Land, dessen politische und militärische Ziele sie aus Glaubens- und Gewissensgründen nicht bejahen konnten: Die Bausoldaten der Nationalen Volksarmee der DDR (NVA).

Nach vielen regionalen Treffen soll im September -knapp 14 Jahre nach der deutschen Einheit -ein großer Bausoldatenkongress in Potsdam stattfinden. Kein Nostalgietreffen, wie die Veranstalter um den Berliner Wolfgang Stadthaus versichern, sondern ernsthafte Aufarbeitung dessen, was da eigentlich passiert ist. Rund 800 Einladungen an Ehemalige sind bisher verschickt worden. Die Schwierigkeit, frühere Bausoldaten zu finden, besteht darin, dass es keine verlässlichen Karteien gibt.

Schikanen waren an der Tagesordnung

Einer, der dabei war, ist der heute 44-jährige Harald Ipolt aus Gotha in Thüringen. Der Katholik war vom Mai 1985 bis Oktober 1986 in Prora auf der Insel Rügen stationiert, wo ein großer Fährhafen für eine russische Eisenbahnfähre gebaut wurde -ein sozialistisches Prestigeobjekt. Ipolt hat sich Zeitungsausschnitte von damals aufgehoben. In Riesenlettern berichtete die DDR-Presse über den Bau des Fährhafens. Was aber verschwiegen wurde, ist, dass es vor allem Bausoldaten waren, die geschippt, betoniert und im Winter geheizt haben.

"Vier Kompanien Bausoldaten zu je 90 Mann waren damals in Prora stationiert", erinnert sich Harald Ipolt. Gearbeitet wurde nach der Grundausbildung im Zwölf-Stunden-Takt. Politunterricht gab es natürlich auch, der aber, wie sich Ipolt ausdrückt, "erträglich war."

Nicht nur für ihn, sondern vor allem für seine Frau Martina war dies eine schwierige Zeit. "Wir waren schon verheiratet, hatten zwei Kinder von fünf und eineinhalb Jahren -und der Mann und Vater 630 Kilometer von Zuhause weg", erinnert sie sich. Die Kommunikation war schwierig, Telefone gab es nicht. Wie viele Frauen verheirateter Soldaten, musste Martina Ipolt die Lasten des Familienlebens alleine tragen. Dazu kamen die Schikanen durch die Armee, die an der Tagesordnung waren.

Dabei gab es durchaus Kurioses: Als Ipolts Bruder, der ebenfalls bei den Bausoldaten war, 1986 im Erfurter Dom zum Priester geweiht wurde, war am Vortag noch ungewiss, ob es Urlaub von der Truppe geben würde oder nicht. Die Erlaubnis kam in letzter Minute -von der Insel Rügen bis nach Gotha schaffte er es nicht mehr, sondern nur bis Erfurt. Seine Frau hat ihm den Anzug in den Dom mitgebracht -inmitten der geweihten Häupter entledigte sich der Bausoldat in der Sakristei seiner Uniform und zog den Anzug an, um "angemessen" an der Priesterweihe seines Bruders teilnehmen zu können. Im Rückblick kann Harald Ipolt darüber nur lachen, auch wenn ihm damals nicht so zumute war. Der selbstständige Einzelhändler versucht die Sache heute auch positiv zu sehen.

Starker Zusammenhalt unter den Bausoldaten

"Ich habe auch gute Erinnerungen an diese Zeit", sagt er. "Im Zug nach Hause hatten wir viele Gespräche, mit anderen Soldaten, mit Unteroffizieren. Der Zusammenhalt unter den Bausoldaten war sehr stark -in der Fastenzeit hielten wird zum Beispiel gemeinsame Bibelgespräche." Im Nachhinein bedauert er, dass er in seiner Truppe nur wenige Katholiken getroffen hat.

Die Aufarbeitung dieser Zeit hält Ipolt für dringend notwendig, auch wenn er froh ist, dass er so manche negative Erfahrung nicht mehr so genau in Erinnerung hat. "Gut, dass man auch vergessen kann", meint er. Zum Kongress im Herbst nach Potsdam will er aber auf jeden Fall fahren. "Interessieren würde mich auf jeden Fall, wie viele Bausoldaten es wirklich gegeben hat", meint Ipolt. Und er hofft, auch den einen oder anderen wieder z usehen, auch wenn die Veranstaltung kein Veteranentreffen werden soll. "Über die Jahre hat man sich eben aus den Augen verloren."

Der Kongress hat sich hohe Ziele gesteckt. Er will vor allem die Zivilcourage der Waffendienstverweigerer während der DDR-Zeit und die Bedeutung engagierten Verhaltens für die Lösung gegenwärtiger Probleme einer breiten Öffentlichkeit vermitteln. Angesprochen sind junge Leute, eine Geschichtswerkstatt also, die das Vergessen verhindert und Erinnerung möglich macht.

Andreas Schuppert

Kontakt für Interessierte:
Arbeitsgruppe Bausoldaten-Kongress,
p.A. Wolfgang Stadthaus,
Karolinenhof 20,
12527 Berlin,
Tel. (030) 6 75 99 78.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 11 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 12.03.2004

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