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Bistum Erfurt

Lehrstellen sind das Wichtigste!

Christliche Jugendliche fordern entschiedenes Vorgehen gegen Arbeitslosigekeit und Abwanderung

Wie viele Abgeordnete gibt es? Landtagspräsidentin Christine Lieberknecht löst mit den Jugendlichen ein kniffliges Rätsel zur politischen Landschaft in Thüringen.

Erfurt -"Verbietet doch endlich die Bild-Zeitung! Klärt das Volk auf!", fordert der Theologiestudent Andreas Göthling aus Bickenriede im Eichsfeld im Foyer des neuen Thüringer Landtags von Thüringer Abgeordneten.

Verhaltener Applaus im jugendlichen Publikum auf der einen Seite, entsetzte Gesichter bei den Landtagsabgeordneten und Journalisten auf der anderen, sind die Reaktionen auf die populistische und boulevardjournalistische Forderung des selbsternannten Volksaufklärers.

PDS-Abgeordneter Werner Buse widerspricht dem Studenten der katholischen Theologie energisch: "Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut. Erst vor ein paar Tagen wurde in diesem Haus -auch noch durch eine demokratisch gewählte Volksvertreterin -die Einschränkung der Pressefreiheit propagiert, das ist eine brandgefährliche Entwicklung!"

"Volksaufklärung" und Zeitungsverbote sind auch keine Allheilmittel gegen die Abwanderung Jugendlicher aus Thüringen. Denn das war das eigentliche Thema des Abends, zu dem der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) Thüringen und die Evangelische Jugend Thüringen unter der Überschrift "Go West -Thüringen ohne Jugend" eingeladen hatten. Neben Landtagspräsidentin Christine Lieberknecht kamen auch die wirtschafts- und jugendpolitischen Sprecher der Landtagsfraktionen sowie von Bündnis 90/Grüne und der FDP ins abendlich leere Thüringer Landesparlament an der Jürgen-Fuchs-Straße.

BDKJ-Geschäftsführer Robert Weidler skizzierte zu Beginn die dramatische Situation: "10 000 Jugendliche verlassen pro Jahr den Freistaat in Richtung Westen. Mobilität ist eigentlich nichts Schlechtes. Die Eisenbahnsituation ist in Thüringen das Problem."

Der BDKJ und die Evangelische Jugend Thüringen fordern deshalb von den Landespolitikern die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die Abwanderung gestoppt wird und auch 18 bis 25-jährige Jugendliche längerfristige Perspektiven haben. Vor allem sollten 112 Prozent Lehrstellen pro Jahrgang geschaffen werden, denn bisher kommen in Thüringen vier Bewerber auf eine Lehrstelle.

SPD-Abgeordnete Birgit Pelke mahnte deshalb: "Viele Jugendliche müssen Thüringen zwangsläufig verlassen, nicht freiwillig. Wir können es uns aber nicht leisten, die jungen Leute draußen vor der Tür stehen zu lassen." Die stellvertretende Vorsitzende der SPDLandtagsfraktion forderte deshalb eine Ausbildungsabgabe für Betriebe, die nicht oder nur ungenügend ausbilden.

CDU-Abgeordneter Thomas Kretschmer dagegen lehnte eine solche Ausbildungsabgabe strikt ab: "Ich bin gegen diese staatliche Schutzgelderpressung bei Unternehmen!"

Der BDKJ forderte die Landespolitiker auch dazu auf, sich verstärkt für die Belange behinderter und benachteiligter Jugendlicher einzusetzen, um ihnen durch gezielte Förderung Zugänge zum ersten Arbeitsmarkt zu eröffnen. Lukas Weinrich aus Sondershausen ist so ein benachteiligter Jugendlicher. 30 Bewerbungen hat der junge Mann aus Sondershausen mit einer schweren Lese-Rechtschreib- Schwäche schon erfolglos geschrieben und hat trotzdem noch nicht resigniert: "Ich schreibe noch einmal dreißig. Irgendwann wird es schon klappen."

Mut machte ihm übrigens Maik Nothnagel, jugendpolitischer Sprecher der PDS-Fraktion im Thüringer Landtag, und versprach: "Ich versuche dir zu helfen. Leicht wird es nicht werden." Der ehemalige Facharbeiter, Wirtschaftskaufmann, diplomierte Wirtschaftsingenieur Nothnagel weiß, wovon er spricht, denn der Abgeordnete, ist seit seiner Jugend missgebildet: "Die Benachteiligtenausbildung ist ein strukturelles Problem. Die Förderung wird laufend gekappt."

Carsten Kießwetter

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 11 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 12.03.2004

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