Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Aus der Region

Liturgie feiern in Zeitgenossenschaft

Erfurt: Liturgiewissenschaftler diskutierten Weiterentwicklung von Riten und Gottesdienstformen

Erfurt ˆ Wir brauchen zeitgemäße Gottesdienste und Riten, die auch die Menschen einladen teilzunehmen, denen die überlieferten liturgischen Formen fremd (geworden) sind ˆ aus welchen Gründen auch immer. Dies war Tenor einer Tagung von Liturgiewissenschaftlern zum Thema "Gottesdienst in Zeitgenossenschaft", die am 14./15. Dezember in Erfurt stattfand. Anlass war die Veröffentlichung der Liturgiekonstitution "Sacrosanctum Concilium" des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 40 Jahren am 4. Dezember 1963. Eine Wende bei der Gestaltung liturgischer Feiern verlangte der Niederländer Paul Post. Post, der an der Theologischen Fakultät Tilburg lehrt, forderte dazu auf, bei der Erneuerung der Liturgie nicht isoliert nur die christliche Kernliturgie zu sehen und von ihr her Angebote für Fernstehende zu konzipieren, sondern auch umgekehrt in der Kernliturgie die Anliegen der Fernstehenden im Blick zu haben.

Interesse an Riten und liturgischen Angeboten

Einerseits gehe in der niederländischen Gesellschaft die Teilnahme an kirchlichen Angeboten immer noch zurück, andererseits wachse das Interesse an Riten. So sei bei Eheschließungen ein Hang zur Symbolik und zur Tradition und eine allgemeine Sehnsucht nach geistlicher Vertiefung festzustellen. Der Gottesglaube habe dabei aber nur geringe Bedeutung. Ein großes Interesse an Liturgie vor allem älterer Menschen sei an den Einschaltquoten bei Fernseh-Gottesdiensten ablesbar. Außerpfarrlich fänden Wallfahrtsorte und Klöster viel Zuspruch. Jenseits der kirchlichen Angebote nähmen Gedenkfeiern etwa bei Katastrophen oder Anschlägen zu, anlässlich derer sich teilweise sehr viele Menschen versammelten.

Menschen "im Vorraum" der Kirche ernst nehmen

Nach Auffassung von Post ist die christliche Durchschnittsliturgie nicht auf Gelegenheitsbesucher abgestimmt, obwohl in-zwischen viele der Gemeindemitglieder selbst nur dann und wann Gottesdienste besuchten. Die Kirche müsse ˆ im Bild gesprochen ˆ viel mehr die Menschen im Nartex (Vorraum der Kirche) in den Blick nehmen und diesen "nicht nur als Durchgangsort betrachten", sondern "die Menschen, die gelegentlich Gottesdienste besuchen, als feste Gruppe begreifen". Post: "Es ist wichtig zu sehen, dass Gelegenheitsbesucher gar nicht das Bedürfnis haben, ständige Gottesdienstteilnehmer zu werden".

Heute sei zum Beispiel Stille sehr gefragt und erwünscht, und es sei zu überlegen, wo sie in der Liturgie Platz habe. Denkbar sei auch, im Rahmen einer liturgischen Feier verschiedene Angebote zu machen, zwischen denen ausgewählt werden könne. Nötig sind einfache liturgische Formen und eine hohe Qualität, so der Liturgiefachmann.

Der Religionswissenschaftler Jörg Rüpke von der Universität Erfurt warnte die Kirche vor einer deutlichen Trennung von Christen und Nichtchristen, Getauften und Ungetauften, da dies der Wirklichkeit nicht gerecht werde. Im Blick auf die religiöse Kommunikation sei zwar eine grundsätzlich immer weiter voranschreitende Säkularisierung zurückgewiesen worden (die Ahnung von einer religiösen Dimension der Welt geht nicht verloren ˆ die Red.), dennoch sei eine fortgesetzte Ausbreitung eines Rationalismus nicht zu leugnen, der die Alltagsplausibilität religiöser Aussagen sinken lasse. Rüpke: "Damit ist die Chance, dass mein Gegenüber auf religiöse Kommunikation ,einsteigtŒ, gefährdet."

Der Religionswissenschaftler prophezeit der Kirche eine "verstärkte interne Pluralisierung". Einerseits sei mit "einer zunehmenden Zahl von Personen zu rechnen, die die Bedeutung eigener Erfahrung, einer keineswegs notwendigerweise theistisch-formulierten Erfahrung höher veranschlagen" ˆ andererseits sei "gerade angesichts zunehmender sozialer Komplexität, Mobilität und Ortlosigkeit mit einer wachsenden Zahl von Personen zu rechnen, die enge Gemeinschaftsbindungen suchen und im Gegensatz zu den Enttraditionalisierungstendenzen im anderen Fall feste Strukturen und Wertformulierungen einfordern".

Von der "eindeutig positiven Aufnahme" der Liturgiereform in der zu sozialistischen Zeiten unterdrückten katholischen Kirche der Tschechoslowakei berichtete der Olmützer Liturgiker Frantisek Kunetka. In den Pfarrgemeinden sei die Reform gut aufgenommen geworden, so Kunetka. Besonders aber hätten diejenigen katholischen Christen die Veränderungen sehr bald geschätzt, die sich nach der sowjetischen Besetzung nicht selten im Untergrund trafen: "Die Feier der Messe in einer nicht traditionellen Umgebung, ohne Messgewand, mit schlichten Gefäßen, auf einem gewöhnlichen Tisch, zog vor allem junge Leute sehr an. Aus diesen Gruppen gingen viele Priester und Ordensleute hervor", so Kunetka.

Heute sei die Situation jedoch anders. Viele Menschen sehnten sich zwar nach einer guten Familie, einem ehrlichen Leben, von der Kirche erwarteten aber nur wenige Orientierung. Andererseits gebe es etwa das Interesse ungetaufter Eltern, ihr Kind taufen zu lassen. Und auch das vom Erfurter Bischof Joachim Wanke angeregte nächtliche Weihnachtslob für Ungetaufte, so der Olmützer Theologe, würde gut besucht. Dennoch, so Kunetka weiter, ist "die Kirche mit ihrer Liturgie der Mehrheit der Gesellschaft gleichgültig und wird es bleiben, wenn wir uns nicht von Formen lösen, die zu einer anderen Zeit gehören".

"Die Liturgie mit neuer Kraft ausstatten"

Nach Ansicht von Bischof Wanke, der ebenfalls an der Tagung teilnahm und Vorsitzender der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz ist, wird sich die Kirche "auf längere Zugangswege der Menschen zum Geheimnis Gotttes" einstellen müssen. Nötig sei eine Konzentration auf das zentral Christliche. Zudem gelte es, Feierformen für (noch) Ungetaufte zu entwickeln, "die dort ansetzen, wo sie in den Biografien Transzendenz eröffnen". Der Bischof regte etwa die Segnung ungetaufter Erstklässler an. Zu-gleich sieht Wanke die Gefahr, kirchliche Angebote könnten "zur gesellschaftlichen Bedürfnisbefriedigung missbraucht" werden. Deshalb müsse auch etwas von der Fremdheit der christlichen Botschaft bleiben.

In der Diskussion erinnerten er und andere Teilnehmer daran, dass es ohne die Feier des Gottesdienstes durch die Kerngemeinde keine Ausstrahlung auf Gelegenheitschristen und fern Stehende gibt. Ziel des christlichen Gottesdienstes sei, mit Christus in den Dialog zu treten, und nicht in erster Linie, religiöse Bedürfnisse zu befriedigen.

Zu Beginn der Tagung hatte der Erfurter Liturgiker und Gastgeber, Professor Benedikt Kranemann, deutlich gemacht, wie sehr es Anliegen des Konzils war, die Riten im Hinblick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse mit neuer Kraft auszustatten und besser der jeweiligen Situation anzupassen, wie es in der Liturgiekonstitution bereits in den ersten Artikeln betont wird. Dabei habe das Konzil eine kirchliche Praxis fortgeführt, wie sie sich durch die Jahrhunderte zieht. Angesichts der pluralistischen Gesellschaft sollte die Kirche heute die vielfältige außerkirchliche Religiosität nicht als Konkurrenz auffassen, sondern sie als Hinweis auf blinde Flecken kirchlicher Praxis aufgreifen.

Eckhard Pohl

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 1 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 15.01.2004

Aktuelle Buchtipps