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Bistum Görlitz

Erste Hilfe für die geschockte Seele

Notfallseelsorger verzeichnen mehr Einsätze / Bernd Lattig aus Cottbus ist seit fünf Jahren im Diens

Bernd Lattig: Notfallseelsorger aus christlicher Nächstenliebe.

Cottbus (mim) -Die Worte des Polizisten trafen Martina Wesel wie ein Schlag: "Es tut uns sehr Leid Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Mann heute Vormittag bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist." Gefühle wie Ungläubigkeit, Verwirrtheit, Weinkrämpfe und Panik wechselten sich ab. Martina Wesel stand unter Schock -unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen und vollkommen überfordert mit dieser Schreckensnachricht.

In solchen Situationen ist Bernd Lattig zur Stelle und hilft den Betroffenen, wo es eben geht. Als Notfallseelsorger ist es seine Aufgabe, Menschen in psychischen Ausnahmezuständen -meist nach einer plötzlichen Todesnachricht -beizustehen. "Wir sind dazu da, um Trauernde mit Kummer und Schock nicht allein zu lassen und für sie den klaren Kopf zu behalten", sagt Lattig. Dazu gehören etwa Anrufe bei Angehörigen oder Bestattungsunternehmen, aber vor allem auch Gespräche oder der stille Beistand. "Manchmal sind wir einfach ein Prellbock, auf den die Emotionen der Betroffenen prasseln können", sagt Lattig. Für ihn ist diese Aufgaben ein besonderes Zeichen christlicher Nächstenliebe. "Trost zu spenden war schon immer ein urchristlicher Auftrag der Kirche. Umso wichtiger ist es, dass sich die Kirche diesen Aufgaben auch in Zusammenarbeit mit öffentlichen Behörden öffnet und als Chance sieht, auch die Allerschwächsten in einer Notsituation zu erreichen", sagt Lattig.

Vor fünf Jahren entschied der Sozialarbeiter und Leiter der Cottbuser Caritas-Kreisstelle, sich zusätzlich ehrenamtlich als Notfallseelsorger zu engagieren. "1998 trat das Land Brandenburg an die Kirchen heran, um das Projekt ,Notfallseelsorge / Krisenintervention' ins Leben zu rufen", erinnert er sich. Für Cottbus und den Spree-Neiße-Kreis hat sich daraufhin ein Arbeitskreis aus Vertretern der evangelischen und katholischen Kirche gebildet. Diese Gruppe besteht aus Theologen, Psychologen und Mitarbeitern wie etwa Sozialarbeitern oder Eheberatern, die im Umgang mit Menschen erfahren sind. "Das sind alles Leute mit christlichem Hintergrund, die sich aus ihrem Glauben heraus dieser ehrenamtlichen Aufgabe widmen", sagt Lattig.

Seit 1. April 1999 ist dieses Team nun im Einsatz. Mittlerweile wechseln sich 17 Notfallseelsorger für Cottbus und den Landkreis Spree-Neiße im 24-Stunden-Bereitschaftsdienst ab. Stetiger Begleiter ist dabei der "Piepser" über den der Seelsorger verständigt wird. "Wir arbeiten eng mit Feuerwehr, Polizei und Rettungsdiensten zusammen und werden über deren Einsatzstelle angefordert", so Lattig.

Die Nachfrage nach dieser seelsorglichen Hilfe ist steigend: Allein im vergangenen Jahr sind die Einsätze der Notfallseelsorger bundesweit auf 15 000 angestiegen. Das Team um Bernd Lattig in Cottbus und dem Spree- Neiße-Kreis wurde 48 Mal zu Einsätzen gerufen. "Einerseits ist der Bekanntheitsgrad der Notfallseelsorge gestiegen, andererseits haben aber auch die Einsatzkräfte mehr und mehr die Notwendigkeit erkannt, wie wichtig auch die erste Hilfe für die Seele ist", sagt Lattig.

Mit welchen Situationen der Seelsorger vor Ort dann konfrontiert wird, weiß er beim Ruf der Einsatzstelle meist nicht. Ob bei der Überbringung einer Todesnachricht, beim plötzlichen Kindstod, bei Unfällen oder Katastrophen, bei Suizidversuchen, Gewaltverbrechen oder Großeinsätzen von Rettungskräften wie etwa vor zwei Jahren bei der Jahrhundertflut: Das Klientel der Notfallseelsorger ist breit gefächert. "Wenn nachts ein Notruf kommt und ich in der Dunkelheit zum Einsatzort fahre, dann richte ich schon das ein oder andere Stoßgebet zum Himmel", gesteht Lattig. "Denn von jedem Einzelschicksal ist man auch immer ein wenig selbst bewegt. Man ist ja keine Maschine", fügt er hinzu. Um dennoch angemessen mit den Situationen umgehen zu können, werden Notfallseelsorger vor Aufnahme ihrer Tätigkeit bei der Landesrettungsschule Brandenburg ausgebildet und auch später immer wieder durch Seminare und Kurse geschult und begleitet.

Auch wenn die Arbeit als Notfallseelsorger an die Substanz geht, ist sich Bernd Lattig dennoch sicher, dass er diese Einsätze noch einige Jahre weiter machen will, denn: "In Not Geratenen zu helfen, das ist mein Verständnis von christlicher Nächstenliebe", sagt er.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 9 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 26.02.2004

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