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Bistum Erfurt

Von Christen, Bäckern und Politikern

Der ehemalige Ministerpräsident Bernhard Vogel zu Gast bei Erfurter Firmlingen

Eine Art, die etwas von Neugier hat: Der frühere thüringische Ministerpräsident Bernhard Vogel im Gespräch mit Firmlingen aus Erfurt.

Erfurt -"Selbstverständlich! Man kann Christ und Politiker sein!" Dr. Bernhard Vogel trifft diese Feststellung klar, ruhig und ohne den Anflug des geringsten Zweifels; nach ein paar Sekunden setzt der langjährige Ministerpräsident nach:

"Man kann als Christ Politiker sein, genauso wie man als Christ Bäcker oder Automechaniker sein kann. Und Sie können doch, wenn Sie ein unredlicher Mensch sind, auch als Bäcker oder Automechaniker die Leute betrügen." Bernhard Vogel, der Politprofi und Ex-Ministerpräsident, ist aufgeräumt und gut gelaunt beim gemeinsamen Treffen der Erfurter Firmlinge unter dem Motto "Seid nett zueinander -für alle".

Neben dem Politiker sitzt im Gemeindehaus von Sankt Severi auf dem Erfurter Domberg Kaplan Timo Gothe. 60 Erfurter Firmlinge sind gekommen, um mit dem bekennenden Katholiken und Politiker Bernhard Vogel über Politik, das Evangelium, den Christen in der Politik und die Lebenszeit an sich zu diskutieren.

Die Firmlinge haben sich in Arbeitsgruppen vorbereitet und Kaplan Gothe sorgt bereits zu Beginn für den störungsfreien Verlauf: "Handys sind ab sofort aus!" Dann bekennt Vogel: "Es gibt in jedem Beruf Situationen, da stehen Sie am Scheideweg. Politik ist nicht per se ein schmutziges Geschäft. Politik heißt vor allem Entscheidungen treffen. Die sind falsch oder richtig, weniger christlich oder unchristlich. Es gibt aber Entscheidungen, die anders ausfallen, wenn Sie ein christliches Menschenbild haben." Entscheidend sei, dass ein Christ nicht zu etwas gezwungen würde, was er als Christ nicht vertreten könne. "Wollten Sie schon immer Politiker werden?", fragt eine junge Dame schüchtern. Vogel hört mit seiner ihm eigenen Art zu: Den Kopf schräg haltend, das Ohr dem Mitmenschen zuwendend und lächelnd. Eine Art, die etwas von Neugier hat und auch von Kritik an sich selbst. Er wirkt wahrhaftig.

Vogel ist ein Politprofi, aber der bedingungslose Machtwille scheint ihm zu fehlen. Der freundliche Herr wirkt -vor allem hier unter den Firmlingen -wie ein eigentlich Machtscheuer, der sein Leben lang unter Mächtigen agieren musste, wie jemand, den sein tiefer Glauben immer wieder die moralischen Grenzen seines politischen Handelns spüren lässt. Er ist einer der letzten -bislang von Affären verschonte -Altmeister der "Generation Kohl" und ältestes Mitglied im CDU-Präsidium.

Einziger Ministerpräsident in Ost und West

Der Selbstkritische gibt offen zu: "Die Parteien sind am Eindruck, den sie vermitteln, nicht ganz unschuldig." Vogel streckt die Beine aus und sinniert, sein Blick haftet auf dem Kreuz an der linken Wand des Gemeindezentrums, dann antwortet er fast bedächtig der jungen Frau: "Politiker wollte ich erst einmal nicht werden. Ich kam schrittweise in die Politik. Ein Schlossermeister im Heidelberger Stadtrat bedrängte mich während des Studiums 1960: Wir brauchen so einen wie dich in der Politik. Ein paar Jahre später fragte jemand, ob ich für den Bundestag kandidieren würde."

Gekrönt wurde dieses Politikerleben dann am 12. September 1999 mit 51 Prozent absoluter Mehrheit für die CDU in Thüringen. Am 14. Dezember 2002 brach Vogel dann auch noch den Rekord des Ministerpräsidenten Peter Altmeier, der 7985 Tage auf dem Chefsessel in der Mainzer Staatskanzlei gesessen hatte. Und nie zuvor hat ein bundesdeutscher Politiker dieses Amt in zwei verschiedenen Bundesländern ausgeübt -dazu noch in Ost und West.

Ach ja die Firmung. Wie war das eigentlich bei ihm? -Vor genau 61 Jahren!" Vogel spricht leise: "Das war Sommer 1942 -das war mitten im Krieg. Ich bin damals vom Bischof von Mainz außerordentlich und jung gefirmt worden. Man hatte wohl Angst, dass der Krieg die nächste Firmung verhindern könnte. In Göttingen wurde nur alle drei Jahre gefirmt. Aber damals wurde auch der Vater von drei Buben, der zum katholischen Glauben übergetreten war, zusammen mit seinen Söhnen gefirmt. 61 Jahre ist das jetzt her."

Die nächste Frage ist überfällig: "Waren Sie ein guter Schüler?", will ein Firmling wissen. Die Antwort kommt prompt und entwaffnend ehrlich: "Ich war in einigen Fächern sehr gut, in anderen sauschlecht -wirklich sauschlecht! Mein Bruder -der Jochen -, der war ein Einserschüler." Erleichterung auf den meisten Gesichtern -und nicht nur der Firmlinge!

Die Frage nach der Amtskirche -die kommt zum Schluss auch noch -so sicher wie das Amen in der Kirche. Bernhard Vogel hat sie wohl erwartet und antwortet routiniert und schnell: "Unsere Amtskirche äußert sich heute eher zu vielem statt zu wenigem, wirklich Grundsätzlichem. Unseren Bischof Joachim Wanke nehme ich da aus -der wird gehört in unserem Thüringen und auch darüber hinaus!"

Carsten Kießwetter

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 9 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 26.02.2004

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