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Was einst trennte, könnte heute verbinden

Christen planen 2005 eine ökumenische Fronleichnamsfeier in Ilsenburg

Ilsenburg / Wernigerode (mh) -Martin Luther nannte Fronleichnam 1527 das "schändlichste aller Feste". Und die katholische Kirche wertete es -sozusagen im Gegenzug -auf dem Konzil von Trient (1545-63) zu einer gegenreformatorischen Machtdemonstration auf. Jetzt -fast ein halbes Jahrtausend später -planen katholische und evangelische Christen, das Fronleichnamsfest 2005 in Ilsenburg ökumenisch zu feiern. "Was einst trennte, könnte heute verbinden" steht über dem Projekt. "Wir wollen die evangelischen Christen nicht nur zu diesem Tag einladen -das gibt es schon andernorts. Wir wollen mit ihnen gemeinsam den Tag vorbereiten und feiern", sagt der katholische Pfarrer von Wernigerode und Ilsenburg, Reinhard Hentschel, über die Idee, die er mit seinem Seelsorge-Team hatte.

Der Ursprung liegt im vergangenen Jahr, als in Ilsenburg die alte, zu DDR-Zeiten verfallene Klosterkirche wieder für Gottesdienste genutzt wurde. Die Benediktinerkirche solle nicht nur ein Ort der Kultur werden, sondern auch ein Ort für den Gottesdienst, hieß der Wunsch der Verantwortlichen. Der daraufhin spontan geäußerte Vorschlag einer Fronleichnamsfeier traf auf die offenen Ohren und das Interesse der Vertreter der evangelischen Kirche.

Pfarrer Hentschel und sein Team konkretisierten dann die Idee. Im Rahmen einer Fortbildung entstand ein Projekt mit verschiedenen Phasen, das seit September konkrete Züge annimmt und in diesen Tagen der katholischen und der evangelischen Gemeinde vorgestellt wird. Ob es letztlich in einer gemeinsamen Fronleichnamsfeier 2005 endet und wie diese dann aussieht, das steht jetzt noch nicht fest. "Die Idee arbeitet jetzt in den Gemeinden", sagt Pfarrer Hentschel, der auf beiden Seiten große Offenheit und Bereitschaft verzeichnet.

Die Weichen für das weitere Vorgehen werden zurzeit gestellt. Die evangelischen Christen haben den Wunsch geäußert, in diesem Jahr die Fronleichnamsfeier als Gäste miterleben zu können. Und für die Katholiken stellt sich momentan vor allem die Frage: "Was feiern wir eigentlich Fronleichnam?" In Predigt und Katechese, in den verschiedenen Gruppen und Kreisen der Gemeinde will Pfarrer Hentschel auf diese Frage eingehen. "Ziel ist ein tieferes Verständnis für die Liturgie als Feier der Gegenwart des Herrn -in Wort und Sakrament", womit Hentschel die zwei Stichworte nennt, unter denen er sich das gemeinsame Fronleichnamsfest vorstellen kann.

Bei der geplanten Feier soll aber die Kirchenspaltung deutlich bleiben, betont Hentschel. Denn von einer Ökumene, die die Folgen der Spaltung zukleistern will, hält er nichts. Ausdrücklich weist er deshalb auf die in der katholischen Kirche geltenden Richtlinien für die Ökumene und für die Feier der Eucharistie hin. Ein Ärgernis soll die gemeinsame Fronleichnamsfeiern nicht werden, denn natürlich spürt Pfarrer Hentschel auch Vorbehalte und Spannungen: "Den einen geht die Ökumene nicht schnell genug und den anderen geht alles viel zu weit." Wirkliche Ökumene müsse diese Spannung aushalten. "Letztlich ist es Gott, der die Einheit schenkt. Wir sind es, die ihn darum bitten müssen. Und diese Bitte verwirklicht sich auch im gemeinsamen Tun", sagt Hentschel. Und die geplante Fronleichnamsfeier in Ilsenburg soll ein Schritt dabei sein.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 9 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Dienstag, 24.02.2004

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