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Auf zwei Minuten

Gott ist anders

Wer sich auf Gott einlaesst, wird viel entdecken

Pater Damian

Voltaire hat einmal gesagt: "Gott hat den Menschen als sein Abbild erschaffen, und wir haben das Kompliment an ihn zurückgegeben." Wie wahr! Wenn wir an Gott glauben, fragen wir auch sofort: "Wie ist er?" Und da haben wir die starke Neigung, Gott uns ähnlich, nur besser, als wir sind, vorzustellen. Das ist nur zu verständlich, da wir doch nur in menschlichen Kategorien und Begrenzungen denken können und das Unbekannte mit bekannten Eigenschaften ausstatten. Und schon kommen wir in große Verlegenheit, denn wir können einfach nicht verstehen, wie Gott sich gleichzeitig um mehr als sechs Milliarden Menschen kümmern und sie lieben kann, wie er gerecht und gleichzeitig barmherzig sein kann, wie er alles lenkt und gleichzeitig es wagen kann, den Menschen als ein mit Freiheit ausgestattetes Wesen zu schaffen.

Als Gott sich dem Mose im brennenden Dombusch offenbarte, zeigte er sich als ein Gott, der mit seinem Volk, mit den Menschen auf dem Weg ist. Sein Name ist "Ich-bin-da" und "Ich-werde-da-sein". Er ist der Gott, der mit den Menschen durch die Geschichte geht. Ein solcher Gott lässt sich nicht festlegen auf ein festes Bild. Daher das Bilderverbot, wie es das erste der zehn Gebote fordert: "Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgend etwas droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde" (Ex 20,4). Israel sollte sich nicht vor Götterstatuen niederwerfen. Das Wort "Statue" hat denselben Stamm wie ,,statisch, unbeweglich". Israels Gott aber ist ein beweglicher und bewegender, ein dynamischer Gott des Weges. Wer an ihn glaubt, muss damit rechnen, dass ihm auch seine mentalen Bilder und Vorstellungen von ihm immer wieder zerstört werden. Die Bibel stellt uns viele sprachlichen Bilder (Metaphern) von Gott vor, zum Beispiel Gott als Hirte, König, Herrscher, Richter, Vater und Mutter. Wer sich auf Gott einlässt, wird entdecken: Ich muss tiefsitzende und vielleicht liebgewordene Bilder von Gott im Laufe des Lebens aufgeben oder ergänzen. Auch im bildhaften Reden von Gott liegt eine Unzulänglichkeit und Begrenztheit des Menschen vor.

Leo Tolstoi zeigt, dass der Glaube an Gott und unsere Bilder von ihm sich ändern müssen im Laufe des Lebens: "Wenn dir der Gedanke kommt, dass alles, was du über Gott gedacht hast, verkehrt ist und dass es keinen Gott gibt, so gerate darüber nicht in Bestürzung. Es geht allen so. Glaube aber nicht, dass dein Unglaube daher rührt, dass es keinen Gott gibt. Wenn du nicht mehr an Gott glaubst, an den du früher glaubtest, so rührt das daher, dass in deinem Glauben etwas verkehrt war, und du musst dich bemühen, besser zu begreifen, was du Gott nennst. Wenn ein Wilder an seinen hölzernen Gott zu glauben aufhört, so heißt das nicht, dass es keinen Gott gibt, sondern nur, dass er nicht aus Holz ist."

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 7 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Samstag, 14.02.2004

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