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Aus der Region

Überraschende Vielfalt

Über die Religionen in Leipzig

Andreas Rauhut: Gute Zusammenarbeit mit den Gemeinschaften.

Leipzig ist seit Jahrhunderten der Brennpunkt des wirtschaftlichen und politischen Lebens in Mitteldeutschland. So verschieden die Menschen hier sind, sind auch die Religionen, denen sie angehören. Eine Gruppe von Studenten der Religionswissenschaft an der Uni Leipzig hat jetzt eine Bestandsaufnahme aller in der Stadt präsenten Religionen gemacht und dafür einen eigenen Verein, "Religionswissenschaftliches Forum (re.form leipzig)", gegründet und ein Buch herausgegeben. Der TAG DES HERRN sprach mit Andreas Rauhut, Student der Religionswissenschaft und Arabistik, einer der Initiatoren des Projektes.

Herr Rauhut, wie sind das Buch "Religionen in Leipzig" und Ihr Verein entstanden?
Das Buchprojekt ist aus einem Seminar heraus entstanden. Wir Studierende der Religionswissenschaften haben festgestellt, dass wir uns zwar viel mit Religionen in Vorderasien, in Südostasien, in Amerika beschäftigen, aber kaum Kenntnis über lokale Religionsentwicklungen haben. Daraus hat sich eine Initiative gebildet, die gesagt hat, wir versuchen, die religiöse Landschaft in Leipzig zu erfassen. Zunächst war in Zusammenarbeit mit der Stadt lediglich eine Broschüre geplant. Wir haben aber recht schnell gemerkt, dass es damit nicht getan ist, weil der Umfang der Gemeinden doch erheblicher ist als wir selbst angenommen hatten. Im Laufe des Entstehungsprozesses haben wir uns dann überlegt, dass wir den Versuch wagen wollen, das Buch auf eigene Faust herauszugeben. Dafür wurde der Verein gegründet, der nun als Herausgeber fungiert. Zweites Standbein ist die Gründung des Leipziger Campusverlages, der gewissermaßen die technische Abwicklung regelte.
Wie sind Sie von den religiösen Gemeinschaften aufgenommen worden?
Die Zusammenarbeit war weitgehend positiv, nachdem sozusagen das erste Eis gebrochen war. Wir haben das Projekt vorgestellt und auch den Gemeinden gesagt, dass wir die einzelnen Gruppen nicht bewerten wollen. Das war ein wesentlicher Punkt, der den Kontakt erleichtert und in einzelnen Fällen überhaupt erst ermöglicht hat. Natürlich waren einige Gemeinden zunächst sehr distanziert, aber wir sind dann doch auf sehr viel Wohlwollen gestoßen. Interessanterweise haben sich Kontakte gerade zu kleinen Gemeinden erst über andere Gruppen ergeben. So haben wir durchaus auch Unterstützung erfahren.
Was hat Sie bei Ihren Recherchen am meisten beeindruckt?
Übrrascht waren wir in vielerlei Hinsicht. Erst mal grundsätzlich darüber, welche religiöse Vielfalt es hier in Leipzig gibt. Interessant ist auf jeden Fall der Bereich, der sich in den Migrantenreligionen ergeben hat oder Religionen, die überhaupt von Ausländern getragen werden, zum Beispiel die Sikhs, die vietnamesischen Buddhisten, der Islam, von dem wir allein fünf verschiedene Gemeinden gefunden haben. Überrascht waren wir auch über eine afrikanisch-evangelische oder auch eine koreanische Gemeinde, die durch öffentliche Auftritte in der Stadt bekannt ist. Beeindruckend war der recht große Bereich der freien Gemeinden. Sehr stark sind auch die Gemeinschaften mit christlichem Hintergrund wie die Zeugen Jehovas, die Mormonen, die Neuapostolische Kirche, die über einen großen Mitgliederstamm in Leipzig verfügen und auch durch mehrere Zweiggemeinden gut präsent sind.
Sie sprechen von "Migrantenreligionen". Könnten Sie sich vorstellen, dass Ihr Verein die Plattform für einen multikulturellen Dialog werden könnte?
Das ist natürlich nicht ausgeschlossen. Der multikulturelle Dialog bezieht sich natürlich auch auf den religiösen Bereich. Wir könnten uns durchaus vorstellen in Zukunft Veranstaltungen zu begleiten, bei denen verschiedene Vertreter von Religionen zusammenkommen und sich zu Problemen, die es in der Stadt gibt, äußern. Ganz aktuell dabei ist der Streit um das öffentliche Tragen des Kopftuches. Es wird sicherlich auch interessant sein, inwieweit die Stimme von Religionswissenschaftlern gefragt ist, wenn es um den Bau von neuen religiösen Stätten wie Moscheen oder buddhistische Tempeln, wie in Taucha geplant, geht. Auf jeden Fall ist hier ein interreligiöser Dialog notwendig.

Interview: Andreas Schuppert

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 4 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 09.02.2004

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