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Bistum Erfurt

Ende gut, alles gut

Weihbischof Hans-Reinhard Koch als Domführer -Und wie Kardinal Wojtyla die DDR austrickste

Er kennt sich aus: Weihbischof Hans-Reinhard Koch mit den polnischen LEG-Gästen Magda Predka (Mitte) und Bogumila Kowalik.

Erfurt -Enttäuscht standen Magda Predka (28) und Bogumila Kowalik (27) in der Eiseskälte vor den verschlossenen Türen des Erfurter Doms. Denn es war 15 Minuten nach fünf Uhr abends und im Winterhalbjahr wird die Kathedralkirche bereits um 17 Uhr geschlossen. Eine Besichtigung des Wahrzeichen Erfurts war also für die beiden jungen Frauen aus Polen nicht mehr möglich.

Während der regulären Öffnungszeiten können sie aber keine Domführung mitmachen. Denn die beiden Diplomkauffrauen sind für drei Wochen aus Krakau zum Erfahrungsaustausch in die Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen (LEG) nach Erfurt gekommen und dort den ganzen Arbeitstag beschäftigt. Da aber die LEG ihren Hauptsitz im Erfurter Stadtteil Brühl hat und somit direkter Nachbar von Dom und Sankt Severi und auch des Bischöflichen Ordinariats ist, hörte auch "LEG-Nachbar" Weihbischof Hans-Reinhard Koch zufällig vom Pech der beiden polnischen Gäste.

Der Weihbischof ließ sich nicht zweimal bitten und führte die Damen nach der Sonntagsmesse persönlich durch den Dom und den Kreuzgang und erklärte ihnen die wichtigsten Kunstschätze.

Weihbischof Koch: "Das war ja wohl eine Selbstverständlichkeit der Gastfreundschaft und eine Freude für mich. Zumal das Bistum Erfurt und das Erzbistum Krakau eine lange Freundschaft verbindet. Wir waren ja schon in den siebziger Jahren regelmäßig in Krakau und haben dort auch Kardinal Karol Wojtyla, den heutigen Papst, getroffen."

Magda Predka und Bogumila Kowalik arbeiten in Krakau für die polnische MARR (Malopolska Agentur für Regionalentwicklung AG) in der Wirtschaftsentwicklung. Die MARR fördert die wirtschaftliche Entwicklung der Region Malopolska (Kleinpolen) und ist in ihrer Aufgabenstellung mit der LEG Thüringen vergleichbar. Grundlage des Austausches von Mitarbeitern der LEG Thüringen und der polnischen MARR ist eine Vereinbarung über die Zusammenarbeit zwischen der LEG Thüringen und der MARR vom 14. Mai 2003. Jetzt beginnt der konkrete Austausch vom Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. So können mit den Erfahrungen der Thüringer LEG Anfangsfehler bei der Regionalentwicklung in der Wojewodschaft Kleinpolen vermieden werden. Und, da Austausch nie eine Einbahnstraße ist, kann auch Thüringen von den Wirtschaftskontakten und der Aufbruchstimmung der polnischen MARR im Vorfeld der EU-Erweiterung profitieren.

Weihbischof Koch: "Es ist gut, dass ich jetzt das friedliche Zusammenwachsen Europas so konkret beobachten kann!"

Eine Anekdote des Weihbischofs beeindruckte die polnischen Gäste besonders: Als Kardinal Karol Wojtyla im September 1975 -als damaliger Erzbischof von Krakau -Gast bei der Bistumswallfahrt war, durfte er als "Ausländer" nicht predigen. Die DDR-Machthaber fürchteten das Wort des polnischen Geistlichen. Doch der verschmitzte Kardinal und spätere Papst hielt dafür "nur ein Grußwort". "Das angemeldete Grußwort ihres Landsmannes dauerte dann eine halbe Stunde lang. Und wurde dann doch noch eine Predigt . . .", berichtete der Weihbischof noch heute amüsiert seinen polnischen Gästen.

Carsten Kießwetter

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 6 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 05.02.2004

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