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Bistum Görlitz

Hörende erkunden eine stille Welt

Rund 20 Teilnehmer erlernen beim Gebärdenkurs der Jugendseelsorge die Sprache der Gehörlosen

Neuhausen (mim) -"Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist, wenn der Boden unter den Füßen bebt, dann vergisst sie, dass sie taub ist ..." -Leise klingen diese Zeilen des Liedes von Herbert Grönemeyer aus den Boxen. Ganz still sitzen rund 20 Leute in einem Kreis und schauen gebannt auf Cornelia Trommer: Wie sie ihre Hände bewegt, mit einem Fuß den Rhythmus des Liedes auf den Boden klopft und wie sich in ihrem Gesicht die Emotionen des Textes widerspiegeln -mal traurig, mal kraftvoll und glücklich. Die Anwesenden können die Musik nicht hören, weil sie Ohropax in den Ohren haben oder gehörlos sind. Sie können sie nur mittels der Gebärdensprache "sehen", so wie es für einen Gehörlosen ganz normal ist.

Mit dieser Szene begann der Samstag des Gebärdensprachkurses der Jugendseelsorge vom 16. bis 18. Januar in Neuhausen. Im mittlerweile siebten Jahr war Beeindruckt vom Gottvertrauen die Gebärdendolmetscherin und Gehörlosenseelsorgerin Cornelia Trommer aus Halle zu Gast. "Ich möchte die Jugendlichen in diesem Kurs mit der Welt der Gehörlosen vertraut machen und ihnen einige Begriffe der Gebärdensprache beibringen", sagte sie. "Einerseits ist das für sie persönlich eine ganz neue Erfahrung, andererseits lernen sie einen unbefangenen Umgang mit Menschen, die eine solche Behinderung haben."

Ralf Gerischer aus Bernsdorf ist einer der Teilnehmer des Kurses. Seit seiner Geburt ist der 35- Jährige gehörlos. Jedes Jahr kommt er zum Gebärdensprachkurs nach Neuhausen. "Ich kann den jungen Menschen helfen gebärden zu lernen. Ich kann ihnen viele Fragen beantworten, wie etwas gezeigt wird. Ich bin wie ein Lehrer für sie", gebärdet er. "So trauen sie sich später eher, die Gebärdensprache zu nutzen und wollen vielleicht sogar Gebärdendolmetscher werden."

Neben einigen Grundkenntnissen über die Sprache ging es bei dem Wochenendkurs auch um die angemessene Verhaltensweise Gehörlosen gegenüber. "Sieh deinen Gesprächspartner immer an", "Stell dich so, dass er nicht gegen das Licht sieht und geblendet wird" oder "Wenn du einen Gehörlosen nicht verstanden hast, nimm notfalls einen Zettel und lass es ihn aufschreiben", lauteten einige der Regeln. Doch auch die Situation der Gehörlosen war Thema: "Es gibt etwa 80 000 Gehörlose in Deutschland. Das Leben der Menschen mit einer solchen Behinderung ist erschwert, weil ihre Kontaktmöglichkeiten enorm eingeschränkt sind", weiß Cornelia Trommer.

Daher liegt der Gebärdendolmetscherin bei ihrem Beruf besonders am Herzen, Menschen durch die Gebärdensprache in Kontakt zu bringen. "Gerade auch bei Gottesdiensten ist die Gebärdensprache für jeden eine ganz andere und schöne Form der Verkündigung", sagt sie. Auch der Kurs endete sonntags mit einem gemeinsamen Gottesdienst, den Cornelia Trommer für Hörende wie nicht Hörende gleichermaßen in die Gebärdensprache übersetzte.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 4 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 05.02.2004

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