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Ein Jahr gemeinsam lernen und wohnen

Görlitzer Sozialpflegerische Berufsfachschule feiert 10jähriges Bestehen

Görlitz - Die Schulbänke stehen in Hufeisenform. Zwei Tische sind zur Klasse hingedreht. Dort sitzen ein Junge und ein Mädchen. Die beiden Klassensprecher leiten die Stunde. Pult gibt es keines im Raum. Die Lehrerinnen haben irgendwo zwischen den Schülern Platz genommen. Sie haben diese 45 Minuten lang ohnehin nur beratende Funktion. Die Entscheidungen treffen die Schüler selbst - in offener Abstimmung per Handzeichen.

Es ist Mittwochvormittag, kurz vor halb zwölf. Soeben hat an der Sozialpflegerischen Berufsfachschule des Caritasverbandes Görlitz die Klassenstunde begonnen. "Die Schüler überlegen sich selbst, was sie in dieser Stunde besprechen möchten", erläutert Schulleiterin Rita Lehmann. Sie legt Wert darauf, dass die Jugendlichen lernen, ihr Leben selbstständig zu organisieren. Das gilt für das Reinigen der Wohnheimzimmer und des Unterrichtsraumes ebenso wie für das Vorbereiten von Festen. Vor kurzem etwa haben die Schüler eine Strandparty veranstaltet Dazu stellten sie Liegestühle im Klassenzimmer auf, streuten Sand auf den Boden und dekorierten das Zimmer mit einer meterhohen Palme und einer knallgelben Sonne aus Papier.

"Beachparty" steht noch immer in Großbuchstaben auf den weißen Stoffvorhängen. Und ums Feiern geht es auch in dieser Klassenstunde. Zwar steht demnächst kein Strandfete an, dafür müssen der Abschluss und die Zehn-Jahr-Feier der Schule am 8. Juni vorbereitet werden.

Hervorgegangen ist die einjährige Berufsfachschule aus einem Vorbereitungsjahr für kirchliche Berufe, der so genannten Aspirantur, die seit Mitte der 60er Jahre vor allem angehenden Kindergärtnerinnen und Krankenschwestern am Görlitzer Carolus-Krankenhaus angeboten wurde. 1992 zog die Schule in ein ehemaliges Kinderheim in der Blumenstraße um. Jedes Jahr werden dort bis zu 25 Mädchen und Jungen aufgenommen, die sich nach der Mittleren Reife auf einen sozialen Beruf vorbereiten wollen, aber noch nicht genau wissen, in welche Richtung sie gehen möchten, keine Stelle gefunden haben oder für die Ausbildung einfach noch zu jung sind. Rund 200 Jugendliche haben bisher die Schule besucht. Etwa 95 Prozent der Abgänger fanden direkt nach dem Abschluss einen Ausbildungsplatz, zwei Drittel davon in der Krankenpflege.

Zwei Tage pro Woche lernen die Schüler in kirchlichen Kindergärten, Kindertagesstätten und Altenheimen sowie auf verschiedenen Stationen des Carolus-Krankenhauses und in der ebenfalls zehn Jahre bestehenden Caritas-Sozialstation St. Hedwig. Einmal wöchentlich sprechen die jungen Leute dann in kleinen Gruppen mit der zuständigen Lehrerin über die Erfahrungen, die sie mit den Kindern, den alten und kranken Menschen gemacht haben. Das sei für die Jugendlichen sehr wichtig, weil viele von ihnen in der Klinik oder im Altenheim zum ersten Mal mit unerträglichen Schmerzen und dem Tod konfrontiert würden, erläutert Lehmann.

Bestandteil des berufspraktischen Unterrichts sind außerdem Projekte, die die Schüler selbst vorbereiten. Für Kindergartenkinder haben sie sich in diesem Jahr zum Beispiel eine Taststraße ausgedacht. Dabei durften die Kinder mit verbundenen Augen durch Schüsseln voller Heu, Wackelpudding, Wolle und Sand waten, erklärt die 17-jährige Theresia aus Erfurt. Die Beach-party war ebenfalls solch ein praxisbezogenes Projekt, allerdings im Bereich Hauswirtschaft.

Zwar ist Lehmann der Ansicht, dass die Vorbereitung auf einen sozialen Beruf sich nicht auf praktische Arbeit und Wissensvermittlung beschränken dürfe. Trotzdem stehen auf dem Stundenplan Fächer wie Englisch, Deutsch, Mathematik, Werken, Biologie, Sozialkunde und Gesundheitslehre. Darüber hinaus sollen die Jugendlichen üben, mit Konflikten umzugehen, die zum Beispiel dann entstehen, wenn eine Schülerin einen anderen Lebensrhythmus hat als ihre Zimmergenossin.

Außerdem ist der Religionsunterricht für alle verpflichtend, egal ob sie aus einem katholischen, evangelischen oder konfessionslosen Elternhaus stammen. Den Lehrerinnen gehe es jedoch nicht darum, die Schüler zu "missionieren, in dem Sinne, dass wir sie zu Christen machen wollen", unterstreicht Lehmann. "Wir wollen ihnen einfach vorleben, wie wir uns Christsein vorstellen. Das beginnt damit, dass wir sie so annehmen wie sie sind - mit ihren Stärken und Schwächen." Durch diese Art des Umgangs sollten die jungen Leute ihren Wert spüren, den sie als Geschöpfe Gottes haben.

Zudem gibt es im Laufe eines Schuljahres eine Reihe religiöser Angebote: die Anfangs- und Schlussandacht in der Kapelle, die gemeinsamen Morgen- oder Abendgebete in der Adventszeit sowie das tägliche Tischgebet vor dem Mittagessen. Wie das genau aussieht, dürfen die Schüler selbst bestimmen. In diesem Jahr haben sie sich zum Beispiel dafür entschieden, eine kurze Stille zu halten. Außerdem fährt jede Klasse einmal zu Orientierungstagen nach Neuhausen.

Dass die Atmosphäre des Hauses die Schüler prägt, merkt Lehmann immer wieder, zum Beispiel als Farbe für rund hundert Mark aus dem Werkraum verschwunden war und sie die Schüler bat, die Töpfchen in der Nacht auf den Kopierer zu stellen. Die Farbe bekam sie nämlich wirklich zurück, allerdings weder nachts noch anonym. Zwei Schülerinnen brachten sie ihr noch am selben Abend ins Büro.

Karin Hammermaier

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 23 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 07.06.2001

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