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Auf zwei Minuten

Von Gott enttäuscht sein

Gott ist der Schoepfer der ganzen Welt

Pater Damian

Ein alter Bauer fuhr einmal mit seinem Fahrrad auf die Kirmes, stellte sein Fahrrad ab und vergnügte sich. Nach einer Stunde kam er plötzlich zurück; denn ihm war eingefallen, dass er sein Fahrrad gar nicht abgeschlossen hatte. O Wunder, es stand noch an seinem Platz! Da unser Bauer gläubig war, wollte er sich dafür bedanken. Also strampelte er zehn Kilometer bis zu einer Kapelle an der Landstraße, stellte sein Fahrrad ab, ging in die Kapelle und steckte zum Dank eine Kerze an. Als er nach einiger Zeit wieder herauskam, war sein Rad weg. Es war gestohlen worden. Es ist nicht schwer, sich in die Gedanken und Gefühle des Mannes zu versetzen: "Wie habe ich das verdient? Wie kann Gott zulassen, dass mir dieses Unrecht geschieht, während ich zu ihm bete und ihm danke? Auf Gott ist auch kein Verlass ..." Der Bauer ist von Gott enttäuscht. Das Wort "enttäuschen" bedeutet eigentlich im positiven Sinne "aus einer Täuschung herausreißen, eines Besseren belehren". Wir verstehen den Ausdruck heute aber meistens als die unangenehme Zerstörung guter Erwartungen. Unser Bauer wird vielleicht beides erfahren haben. Gott hat ihm eine Lektion erteilt, ihn eines Besseren belehrt und ihn aus seiner Täuschung herausgerissen: "Du musst schon selber auf dein Fahrrad Acht geben und es abschließen!" Und diese Lehre brachte dem Mann Ärgernis und Verlust.

Haben wir nicht alle schon solche "Enttäuschungen" im Gebet erlebt? Obwohl wir doch so inständig und andächtig Gott um etwas gebeten haben, kam es anders. In vielen Fällen ist leicht einzusehen, dass es unser eigener Fehler war, wenn etwas misslang oder verunglückte: Wer sich beispielsweise auf ein Examen nicht vorbereitet, sollte sich nicht auf das Gebet verlassen und sich nicht wundern, wenn er durchfällt. Wer im Straßenverkehr nicht aufpasst oder allzu leichtsinnig ist, muss mit einem Unfall rechnen. So gibt es viele Ereignisse und Vorfälle im Leben, bei denen wir das Geflecht von Ursachen und Folgen durchschauen können. Daneben aber kennen wir Fälle, wie eine heimtückische unheilbare Krankheit oder ein unverschuldetes Unglück, in denen wir uns nicht selbst die Ursache zuschreiben können. Können wir wenigstens dann erwarten, dass Gott direkt eingreift und ein "Wunder" vollbringt? Auch hier werden wir oft von Gott "enttäuscht". Gott ist der Schöpfer der ganzen Welt und sie hängt als Ganzes nur von ihm ab. Das einzelne Geschöpf aber ist nicht nur von Gott, sondern auch von einer ungeheuer langen Kette von geschöpflichen Ursachen abhängig. Gott bindet sich in seinem Handeln an die Schöpfung und an die dem Menschen geschenkte Freiheit. Das heißt nicht, dass er keine "Wunder" und aufgrund von Gebeten keine Heilung wirken könnte. Aber seine Wunder durchbrechen nicht die Naturgesetze und Heilungen sind keine Außerkraftsetzung des Eigenseins (der Freiheit) der Schöpfung.

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 5 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 05.02.2004

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