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Die Zukunft steht auf dem Spiel

ZdK-Präsident Meyer zur gesellschaftlichen Situation in Deutschland

Magdeburg -Freiheit und Mitmenschlichkeit sind in Gefahr, ja die Zukunft überhaupt steht auf dem Spiel, wenn sich nicht grundsätzlich etwas im kulturellen Klima Deutschlands ändert. Zu diesem alarmierenden Ergebnis kommt der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und Minister a. D., Professor Hans Joachim Meyer, bei der Analyse der gesellschaftlichen Situation.

In Deutschland ist eine ausgeprägte Ich-Sucht und die "fortgesetzte Demontage aller ethischen Bindungen" zu beobachten, sagte Meyer bei einem Vortrag zum Thema "Am Ende der Ich-Gesellschaft. Analyse und Perspektiven unserer Kultur" am 7. Januar in Magdeburg. Das gelte sowohl für den Umgang mit dem kulturellen und geschichtlichen Erbe als auch für die Einstellung zu Ehe und Familie, aber auch zu Kirche und Staat. So werde die Ehe als überholt abgetan, statt dessen würden aber mit den gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften reine Zweier-Partnerbeziehungen in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gestellt. Familie werde "in einer oberflächlich sympathischen Formulierung" als Ort, wo Kinder sind, definiert, "ohne damit ein wirkliches Interesse an Kindern zu bekunden".

Nach Auffassung von Meyer wird die Zerstörung überkommener Werte von "starken und lauten Kräften" betrieben, die die Interessen des Einzelnen vor die der Gemeinschaft stellen und für die das "Ego der höchste Wert" ist. "Da aber eine freiheitliche Ordnung mit ihrem Grundsatz der Pluralität auf die in der Gesellschaft gelebten ethischen Werte und deren mitmenschliche und gemeinschaftsbildenden Wirkungen angewiesen ist", so der ZdK-Präsident, "ist auch der Umkehrschluss richtig: Der Werteverfall untergräbt die Grundlagen der Freiheit. Es gibt auf Dauer Freiheit nur als Eigenverantwortung und als Entscheidung zur Selbstbindung und nicht als beständig zu erweiternder Freiraum des Individuums." Die Mütter und Väter des Grundgesetzes hätten die Achtung der Menschenwürde und damit den Blick auf den Anderen und die Gemeinschaft an die erste Stelle gerückt und erst darauf basierend die Möglichkeit zur freiheitlichen Entfaltung jedes Einzelnen gefordert. "Freiheit ergibt sich aus der Achtung der Menschenwürde", so Meyer, der bei einer Veranstaltung der Katholischen Akademie sprach.

Verbreitet: Geschichts- und Zukunftsvergessenheit

Massive Kritik übte der frühere Minister für Wissenschaft und Bildung beziehungsweise Kunst an der Geschichts- und Zukunftsvergessenheit der Ich-Gesellschaft: Die verbrecherische Nazidiktatur werde als "unvermeidliche Konsequenz" der deutschen Geschichte betrachtet und die Freiheits- und Humanitätstradition "geleugnet und herabgesetzt". Die heutige freiheitliche Ordnung müsse demzufolge zu allem, was bis Auschwitz war, auf kritische Distanz gehen. Diese Auffassung sei um so fragwürdiger, als die Frauen und Männer des Widerstandes sich bei Gründung der Bundesrepublik gerade auch auf die vorhandene Freiheitsgeschichte des deutschen Volkes berufen hätten. "Es stellt sich die Frage", so Meyer, "ob ein so einseitiger Blick auf die Geschichte nicht auch ganz nützlich sein kann, um Verpflichtungen und Zumutungen, die aus dem Allgemeininteresse dieses Landes folgen, von sich abzuwehren". Den Gedanken an die Zukunft habe die Ich- Gesellschaft ohnehin "schon lange abgeschrieben. Wer keine Kinder hat, sorgt sich nur noch um sich selbst und sein Alter."

"Ein besonders verhängnisvolles Ergebnis struktureller Fehlsteuerung" sieht der ZdKPräsident "in der Diskriminierung der Familien durch das derzeitige Rentensystem. Da sich das Rentensystem bisher im Wesentlichen am einzelnen Berufstätigen orientiert, hat es die Familien massiv benachteiligt, obwohl es die aus diesen Familien hervorgehende neue Generation ist, welche die künftigen Renten erst erarbeiten muss." Trotzdem habe die Öffentlichkeit über lange Zeit seelenruhig darüber hinweggesehen, dass immer weniger Kinder geboren wurden. Inzwischen habe das Bundesverfassungsgericht zwar Urteile zugunsten der Familien gesprochen, aber "geändert hat sich so gut wie nichts". Den Klagen von Müttern, so Meyer, stehen "politisch sehr viel einflussreichere entgegengesetzte Individualinteressen gegenüber, die den dringend notwendigen familienfreundlichen Umbau der Gesellschaft nicht wollen oder davon nicht direkt profitieren würden."

Verhängnisvolle Familienpolitik

Darüber hinaus sei es für Frauen in Deutschland noch immer schwer, Berufs- und Familienarbeit gut miteinander zu verbinden, so der ZdK-Präsident. Dabei wollten viele Mädchen und junge Frauen beides: Beruf und Kinder. Und in etlichen Ländern West- und Nordeuropas sei dies auch durchaus praktikabel. Vorbild könnte etwa die "von Frankreich betriebene und als öffentliche Aufgabe von allen politischen Kräften mitgetragene Familienpolitik" sein. Meyer: "Freilich gibt es hier einen gewichtigen Unterschied: Die Franzosen wollen als Nation weiter existieren. Die meinungsbildenden Kräfte in Deutschland ziehen es dagegen vor, Familienpolitik als Bevölkerungspolitik ideologisch zu verleumden oder wider alle Realität deren unausweichliche Erfolglosigkeit zu behaupten. Wozu soll es auch weiter Deutsche geben, wenn sich die heute Lebenden von der deutschen Kultur und Sprache verabschieden, weil sie meinen, als amerikanische Kopien erfolgreicher zu sein?"

Kritik übte Meyer auch an der deutschen Rechtsprechung, die nicht selten den Individualismus befördert habe, in dem sie bei Urteilen die Freiheitsrechte des Einzelnen über die der Gemeinschaft gestellt habe.

Nach Auffassung des Ministers a. D. haben zwei Ideologien die Herausbildung einer Ich-Gesellschaft kräftig befördert: die "Legende von der generellen Bedrohung des Individuums durch Staat und Gesellschaft" und ein Toleranzverständnis, dem es "um die Diskreditierung von geistigen Traditionen und ethischen Ansprüchen und um die Begünstigung von Werterückzug und Tabubruch" geht. Dabei sei das, was als Ausdruck von Freiheit und Persönlichkeit verkauft werde, nicht selten das Ergebnis eines hohen Konformitätsdrucks innerhalb einer gesellschaftlicher Gruppe.

Trotz der zerstörerischen Kräfte sieht Meyer auch Hoffnungszeichen, so etwa in der "großen Solidarität der Deutschen für das Aufbauwerk in den neuen Ländern", in den "überwältigenden Hilfsaktionen" für die Opfer der Flutkatastrophen an Oder (1997) und Elbe (2002) oder im Ökumenischen Kirchentag 2003. Aber ob dies der Anfang vom Ende der Ich-Gesellschaft ist und damit Grund zur Hoffnung besteht, lässt Meyer offen. Deshalb wäre es ihm auch lieber gewesen, der Freiburger Herder-Verlag hätte dem Titel des kleinen Buches "Am Ende der Ich-Gesellschaft" (ISBN 3-451-053 38-1), in dem er (Meyer) zum Thema im Interview Antwort gibt, ein Fragezeichen hinzugefügt.

Eckhard Pohl

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 5 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 05.02.2004

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