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Bistum Erfurt

Rettungsaktion für die Gloriosa

Um repariert zu werden, muss die "Königin der Glocken" wahrscheinlich ihr Gemach verlassen

Wer spendet, kann gewinnen: Dompfarrer Reinhard Hauke (links) hofft auf Unterstützung für die Gloriosa. Rechts: Glockensachverständiger Bruder Michael Reuter.

Erfurt (bip / tdh) -Sie ist über 500 Jahre alt und wohl eines der bedeutendsten Werke europäischer Glockengießerkunst: Die Erfurter Gloriosa. Jetzt ist die alte Dame zum Schweigen verurteilt. Schuld daran ist ein Haarriss von nur acht Zentimetern Länge, der sich am unteren Glockenrand gebildet hat. Was wie eine Kleinigkeit aussieht, ist tatsächlich eine Katastrophe: Die Glocke klingt schrecklich und darf nicht mehr geläutet werden, weil sich der Riss sonst ausweiten würde. Und das könnte das Ende der Gloriosa sein, die als größte, frei schwingende Glocke des Mittelalters weltberühmt ist und über einen einzigartig schönen Klang verfügt. "Wir verfolgen im Grunde nur ein Ziel, nämlich der Gloriosa wieder zu ihrer Stimme zu verhelfen", erklärte der Leiter des Dombauamtes, Andreas Gold am 21. Januar vor Journalisten in Erfurt.

Die Glocke muss geschweißt werden

Der Weg zu diesem Ziel gestaltet sich allerdings nicht unkompliziert. "Die Glocke muss geschweißt werden. Die Frage ist nur, an welchem Ort", sagte Gold. Die besten Arbeitsbedingungen finden sich in der Werkstatt eines Fachmanns. Ein Transport der Gloriosa dahin sei ein lösbares Problem, meint Gold. Nur habe vor 500 Jahren niemand daran denken können, dass man die Glocke einmal wieder aus ihrem Turm entfernen müsse. Der Turmbau lässt keine Möglichkeit, sie ins Erdgeschoss herabzulassen. Nur für den Austausch der Klöppel gibt es eine Luke unter der Glocke. 1985 wurde die Gloriosa deshalb in ihrer Glockenstube geschweißt. "Die Schweißung in der Glockenstube ist ebenfalls eine unserer Optionen für die Reparatur", führte Andreas Gold aus.

Dafür spreche, dass der Zementboden, der 1985 für die Schweißung in die Glockenstube eingezogen worden war, noch erhalten ist. Allerdings müsste wieder der gesamte hölzerne Glockenstuhl abgebaut und alles Holz im Umfeld der Gloriosa entfernt werden. Das erfordert der Brandschutz, denn für eine Schweißung muss die Glocke auf hohe Temperaturen gebracht werden. "Und abgesehen vom Arbeitsaufwand tut es keinem Glockenstuhl gut, wenn er alle paar Jahre zerlegt wird. Denn mit dem Zustand des jetzigen sind wir sehr zufrieden", erläuterte Gold.

Also erwägt man auch eine andere Möglichkeit, die, sollte sie realisiert werden, eine Sensation wäre. Gold plant, die Öffnung der Schall-Luken in der Westseite des Glockenturmes zu erweitern. Dann soll die Gloriosa auf einen Schienenwagen gesetzt werden, um sie damit durch die Maueröffnung in den Schwerlastkorb eines Lastkranes zu schieben. Der bringt die Glocke schließlich sicher auf den Boden. "Es gibt mittlerweile mobile Schwerlastkräne, die eine solche Aufgabe bewältigen können", berichtete Gold, nicht ohne auf die besonderen Herausforderungen hinzuweisen.

Denn entweder steht der Kran auf dem Domplatz neben den Domstufen -dann muss er über die Turmanlage auf die abgewandte Westseite zugreifen. Oder ein kleinerer Kran fährt auf den Domberg und führt von dort seinen Lastkorb zur Gloriosa hoch. Die Königin der Glocken würde so zum ersten Mal seit über 500 Jahren ihr Gemach verlassen.

Ob nun im Turm oder außerhalb von ihm geschweißt wird, prüft das Dombauamt zurzeit noch. "Wir überlegen auch, auf den Transport zu verzichten und die Gloriosa auf dem Domberg zwischen Dom und St. Severi zu reparieren", zählte Andreas Gold eine weitere Option auf. Dann würde die Gloriosa dort geschweißt, wo sie 1497 von Gerhard van Wou aus Kampen gegossen worden war. Die Schweißung soll noch in diesem Jahr stattfinden. Die Riss-Stelle wird ausgesägt, die gesamte Glocke erhitzt und der Spalt mit Bronze gefüllt. Was sich einfach anhört, ist ein hoch kompliziertes, technisches Verfahren, wie Gold betonte.

Wie der Guss der Gloriosa 1497 kostet auch die Reparatur im Jahr 2004 Geld. "Wir rechnen mit 150 000 bis 200 000 Euro Gesamtkosten", nannte Gold das vorläufige Ergebnis seiner Kalkulationen. Dabei handelt es sich nicht einmal um eine Investition in die Ewigkeit, wie der Glockensachverständige des Domberges, Bruder Michael Reuter aus dem Benediktiner-Kloster Maria Laach ausführte. "Irgendwann reißt jede Glocke, das ist ihr natürliches Ende." Dass bisher nur zwei Risse an der Gloriosa aufgetreten seien und diese Glocke rund 500 Jahre ohne Schaden geläutet habe, sei beinahe ein Wunder und spreche für die hohe Kunst Gerhard van Wous.

15 Personen können beim ersten Geläut dabei sein

Was die Lebenszeit der Gloriosa betrifft, ist Dompfarrer Reinhard Hauke Optimist und ruft zu Spenden auf, um die gewaltigen Reparaturkosten aufzubringen. Und Hauke macht eine Spende schmackhaft: Wer auf dem Spendenbeleg seine Adresse notiert, erhält nicht nur ab 20 Euro eine Spendenquittung, sondern nimmt auch an einer Verlosung teil. "15 Personen können beim ersten Festgeläut der Gloriosa nach der Reparatur in der Glockenstube dabei sein. Die losen wir unter den Spendern aus", erklärte Hauke seine Lotterie.

An welchem Tag die Gloriosa läuten wird, steht noch nicht fest, aber dass sie wieder läutet, darüber ist sich der Dompfarrer mit Andreas Gold und Bruder Michael einig.

Spendenkonto: Kontoinhaber: Domrendantur,
Stichwort: "Gloriosa",
Konto-Nr. 5000 43 70 10
bei der
Pax-Bank Erfurt, BLZ 370 60 1 93

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 5 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 05.02.2004

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