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Bistum Görlitz: Deutlich weniger Katholiken

Interview mit Generalvikar Hubertus Zomack

Hubertus Zomack Das Bistum Görlitz hat seine Katholikenzahlen deutlich nach unten korrigiert. Welche Gründe dazu geführt haben und welche Folgen das hat, darüber sprach der TAG DES HERRN mit dem Görlitzer Generalvikar Hubertus Zomack.

Herr Generalvikar, Sie haben die Statistik der Katholikenzahlen Ihres Bistums überprüft. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
Das für uns schmerzliche Ergebnis ist, dass wir nicht mehr rund 45 000 Katholiken in unserer Statistik verzeichnen, sondern nur noch rund 30 000.
Wie kommt es zu dieser erheblichen Korrektur?
Seit einigen Jahren bestanden zwischen den uns aus den Pfarrgemeinden gemeldeten Zahlen und den Zahlen der Meldedatei Mainz deutliche Unterschiede. Während die Pfarrkartei in den Gemeinden geführt wird, beruht die Kartei in Mainz auf den Zahlen des amtlichen Meldewesens. Ende 2002 habe ich den Pfarrern mitgeteilt, dass die Höhe der Finanzmittel, die das Bistum den Gemeinden zur Verfügung stellt, künftig auf den Zahlen in Mainz basiert.
Um den Gründen für die großen Unterschiede auf die Spur zu kommen, haben wir 2003 beide Karteien mit Hilfe vieler freiwilliger Helfer abgeglichen. Das Ergebnis ist der Rückgang der Katholikenzahl um rund ein Drittel. Dabei haben wir allerdings auch 7000 Katholiken "gefunden", die bisher in der Mainzer Kartei nicht verzeichnet waren, denn dort waren es anfänglich etwa nur 23 000.
Zu dieser nachgewiesenen Zahl ist noch eine Dunkelziffer von etwa 15 Prozent hinzuzuzählen, denn viele abständige Katholiken haben Scheu durch eine Unterschrift zu bekunden, dass sie zur katholischen Kirche gehören, sei es aus Angst vor der Kirchensteuer oder weil sie keinen Kontakt zur Kirche wollen. Unterm Strich gehen wir davon aus, dass wir etwa 25 Prozent der in der Statistik 2002 erfassten Katholiken verloren haben.
Weshalb hat es so lange gedauert, bis Sie nach den Ursachen für die Unterschiede in beiden Karteien gesucht haben?
Das hängt mit einem positiven Ergebnis unserer Untersuchung zusammen: Wir haben einen überdurchschnittlich guten Gottesdienstbesuch. Während deutschlandweit nur zehn bis 15 Prozent der Katholiken sonntags zum Gottesdienst gehen, sind es bei uns 25 Prozent. Solange wir aber den deutschlandweiten Durchschnitt zu-grunde gelegt haben, hatten wir keinen Grund, die Zahl von 45 000 Katholiken zu bezweifeln.
Welche Gründe sehen Sie für den Rückgang der Katholikenzahl?
Hauptgrund ist der dramatische Bevölkerungsrückgang im Gebiet unseres Bistums von etwa 950 000 zu Wendezeiten auf heute rund 650 000. Zur allgemeinen negativen Bevölkerungsentwicklung in Deutschland kommen in Südbrandenburg und Ostsachsen die Wegzüge aufgrund der gravierenden Arbeitslosigkeit von 20 Prozent hinzu. Daneben spielen die Kirchenaustritte durch die Einführung der Kirchensteuer 1991 sowie der stille Auszug aus der Kirche von Menschen, die aus der Republik Polen in unser Bistum gezogen sind, eine Rolle. Allein in Görlitz leben etwa 200 polnische Familien, die nicht in der Statistik erfasst sind; nach der Erweiterung der Europäischen Union könnte sich das noch verstärken.
Betrifft die Entwicklung das Bistum gleichmäßig oder gibt es regionale Unterschiede?
Am meisten betroffen sind die mittelgroßen Städte, die von der Energie- und Kohlewirtschaft geprägt waren. Ein Beispiel ist Hoyerswerda mit einem Rückgang der Katholikenzahl von 4956 auf 1610 bei einem Bevölkerungsrückgang von 70 000 auf 50 000. Und in Senftenberg ging die Katholikenzahl von 2114 auf 739 zurück.
Das Gegenbeispiel ist die deutsch-sorbische Pfarrei Wittichenau. Hier ist der Rückgang deutlich geringer, von 4900 auf 4400. Viele Wittichenauer sind aus Arbeitsgründen zu DDR-Zeiten nach Hoyerswerda gezogen und kommen jetzt zurück in ihre Heimat.
Welche Folgen wird diese Entwicklung haben?
Die Folgen sind noch nicht absehbar. Die ersten Schlussfolgerungen haben wir schon 2003 gezogen: Seit 1. April gibt es einen Bau- und Einstellungsstopp und seit 1. Juli eine Haushaltssperre. Beides führt dazu, dass wir für 2004 einen ausgeglichenen Bistumshaushalt haben, trotz zurückgehender Kirchensteuereinnahmen und einer geringeren Unterstützung durch den Finanzausgleich zwischen den deutschen Bistümern. Der gravierende Einbruch steht uns allerdings erst für 2005 bevor, wenn die korrigierte Zahl zur Berechnungsgrundlage für diesen Finanzausgleich wird.
Die korrigierte Zahl liegt jetzt auch den Zuweisungen von Finanzmitteln des Bistums an die Pfarrgemeinden zugrunde. Die so genannte Schlüsselzuweisung ist die Grundlage der Finanzierung der Pfarrgemeinde und setzt sich aus einem Sockelbetrag und einem Betrag von 16 Euro pro Katholik zusammen. 2004 gibt es für die besonders betroffenen Gemeinden eine Härtefallregelung, die ich allerdings für 2005 nicht mehr garantieren kann.
Aufgrund der Entwicklung gibt es auch kaum Chancen für Neueinstellungen. Außerdem wird es 2004 betriebsbedingte Kündigungen in einigen Pfarreien und im Ordinariat geben. Um welche Größenordnungen es sich dabei handelt, will ich noch nicht sagen, weil ich zunächst Gespräche mit der Mitarbeitervertretung führen will.
Ist ein Bistum mit 30 000 Katholiken überhaupt lebensfähig?
Die Frage ist berechtigt, aber sie stellt sich nicht erst heute sondern seit der Bistumserhebung 1994. Schon damals meinten manche, wir seien nicht lebensfähig. Dass wir leben können, haben wir gezeigt. Natürlich ging das nur, weil wir -wie andere ost- und westdeutsche Bistümer -am Finanzausgleich innerhalb der Kirche in Deutschland hängen.
Für mich gibt es keine andere Möglichkeit einer kirchlichen Struktur in unserem Gebiet. Eine Aufteilung des Bistums entlang der Landesgrenze zwischen Brandenburg und Sachsen würde ein seit 1945 gewachsenes Gebiet auseinander reißen. Und das ganze Bistum Görlitz an das Erzbistum Berlin oder an das Bistum Dresden-Meißen anzugliedern, würde territorial riesige Gebiete schaffen. Übrigens ist Görlitz nicht das kleinste Bistum der Welt. Das Erzbistum Vaduz (Liechtenstein) hat nur 24 000 Katholiken.
Das Bistum hat in den vergangenen Jahren einen Pastoralplan erarbeitet. Ist dieser jetzt veraltet?
Nein. Wir müssen den Pastoralplan, den der Bischof 2002 in Kraft gesetzt hat, jetzt umsetzen. Das heißt vor allem, die geplanten 21 Seelsorgeeinheiten müssen mit Leben erfüllt werden. Während ursprünglich allerdings keine Strukturen verändert werden sollten, werden wir jetzt an Strukturänderungen nicht vorbei kommen. Das heißt: Aus den Seelsorgeeinheiten müssen Pfarrverbände oder Gesamtgemeinden werden.
In den Gemeinden wird es jetzt manche Unsicherheit geben. Was möchte die Bistumsleitung dem einzelnen Christen vor Ort sagen?
Zunächst: Wir werden nicht mit der Rasenmäher-Methode über das Bistum gehen und alles, was Geld kostet, abschneiden. Aber, und das habe ich allen Pfarrern jetzt erneut gesagt: Wir müssen uns auf unsere eigenen Kräfte besinnen. Das heißt vor allem auf das Ehrenamt. Ich würde mir wünschen, dass wir da an unsere guten Erfahrungen zu DDR-Zeiten anknüpfen.
Zweitens: Wir müssen künftig zwischen Notwendigem und Wünschenswertem unterscheiden. Wir werden dafür sorgen, dass in erreichbarer Nähe immer ein Priester mit den Gläubigen Eucharistie feiern kann, denn davon lebt Kirche. Aber es wird nicht mehr möglich sein, zum Beispiel neue Gemeindehäuser zu planen. Und es wird uns auch nicht möglich sein, jedes Gebäude, das wir haben, zu erhalten. Wahrscheinlich werden wir auch das ein oder andere verkaufen müssen.
Und drittens: Wir müssen überlegen, ob wir bei der Vergütung für die Hauptamtlichen weiter alle westlichen Standards übernehmen können. Manchmal frage ich mich, ob wir als Kirche wie eine Insel der Seligen in einer von Arbeitslosigkeit geprägten Region so tun können, als betreffe uns das nicht. Natürlich gönne ich jedem ein Einkommen wie im Westen, aber wir haben halt die westlichen Kirchensteuereinnahmen nicht. Darüber muss es Gespräche mit den zuständigen Gremien geben.
Vielleicht kann uns in dieser weihnachtlichen Zeit ein Gedanke trösten: Jesus ist nicht im Petersdom zur Welt gekommen, sondern im Stall von Bethlehem. Als Kirche waren wir hier in diesem Gebiet immer Minderheitenkirche. Und ich bin mir sicher, dass wir trotz allem eine Zukunft haben, wenn beides stimmt: Das Engagement der Gläubigen vor Ort und unser Engagement als Bistumsleitung für diese Gläubigen.

Fragen: Matthias Holluba

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 0 des 54. Jahrgangs (im Jahr 2004).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Dienstag, 23.12.2003

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