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Aus der Region

Ein Beter erfährt Hilfe zum Helfen

Wie das Weihnachtslied "O du fröhliche ..." entstand

Im Schatten der großen Dichter: Johann David Falk.

Weimarer Touristen aus aller Welt besuchen die Wirkungsorte der großen deutschen Dichterfürsten Goethe und Schiller. Auch über Herder und Wieland weiß man noch etwas. Für weitere Persönlichkeiten, die in der Stadt wirkten, muss man schon Experte sein. Da gibt es einen Namen, der den meisten unbekannt ist. An seinem Denkmal stehen oft Kindergruppen und singen Lieder, legen Blumen nieder und hören seine Geschichte. Er ist der gläubige Christ der Tat, der als Zeitgenosse der humanistischen Aufklärungsepoche in Weimar wirkte: Johann Daniel Falk, der Dichter des Liedes "O du fröhliche ..."

An einem Haus in Weimar stand auf einer steinernen Tafel sehr lange der Spruch: "Wer ein Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf" (Matth. 18,5). Das sagt Jesus zu seinen Jüngern. Forscher wollten wissen, was es mit diesem Spruch an einem gewöhnlichen Haus für eine Bewandtnis hat: Heraus kam eine spannende Geschichte.

In diesem Haus lebten vor über 190 Jahren viele Waisenkinder. Sie waren durch die schrecklichen Kriegsereignisse, als Kaiser Napoleon auch mit seinen Heeren durch das weimarische Land zog, von einem gläubigen Ehepaar in das Haus aufgenommen und versorgt worden. Kinder, die ihre Eltern und ihr Zuhause verloren hatten. Durch die Kriegsereignisse hatte das Paar selbst sieben seiner Kinder verloren. In ihrem schweren Leid schickt Gott ihnen eine neue große Aufgabe. Sie sollten fremder Leute Kind Vater und Mutter werden.

Wie kam es dazu? Als nach der schrecklichen Schlacht bei Jena / Auerstedt 1806 verwaiste Kinder durch die Ortschaften Thüringens zogen und mit Betteln und Stehlen ihren Hunger und Durst stillten, öffneten Caroline und Johann Daniel Falk ihre Wohnungstüren und gaben diesen Kindern von dem Wenigen, das sie selbst hatten, ab.

Jahre später, nach der Völkerschlacht bei Leipzig, ging eine Seuche über das deutsche Land. Auch in Weimar gab es viele Opfer. Jetzt schlug die Stunde bei Familie Falk. Als wieder einige ihrer Kinder sterben, nehmen sie fremde Kinder in ihr Haus auf. Es wurden über 500, die sie natürlich nicht alle selbst versorgen konnten. Sie suchten Freundesfamilien unter den Handwerkern, Bauern und Bürgern des Umlandes zur Mithilfe. So entstand das erste evangelische Waisenhaus, der Lutherhof in Weimar, eben das Haus, an dem sich die besagte Tafel befand.

Falk unterrichtete die Kinder im Lesen, Schreiben und Rechnen, im Beten und Singen und besorgte ihnen eine Berufsausbildung im ganzen Land. Seine Frau beschaffte die nötigen Geldmittel und gab oft selbst das Letzte aus ihrem Vermögen dazu.

Eines Tages, kurz vor Weihnachten, war alles aufgebraucht. Nicht mal Holz für die großen Öfen des Hauses war mehr da. Falk beschließt, sich in seiner Studierstube einzuschließen. Er geht auf die Knie und betet zu Gott. Viele Stunden. Dann passiert es. Er hört unter seinem Fenster etwas rumpeln. Als er aus dem Haus stürzt, sieht er gerade noch ein Fuhrwerk davonfahren.

Eine große Ladung Holz war abgekippt. Dabei einige Säcke mit Mehl, Schinken, Speck und Kartoffeln. Und auf einem Papier stand dazu geschrieben: "Ein Gott vergelts Herrn Rat Falk und fröhliche Weihnachten". Sein Gebet war erhört worden. Voll Freude geht er wieder auf die Knie und dankt Gott für seine Gebetserhörung. Dann nimmt er Papier und Feder und aus ihm fließen die Worte: "O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue dich, o Christenheit.

Mit diesem Erlebnis geht Falk zu seinem Freund, dem Pfarrer Johann Gottfried Herder und erzählt ihm davon. Er liest die Dankverse und holt eine sizilianische Melodie aus seiner Liedersammlung. Und eines der schönsten Weihnachtslieder ist geboren. Die Waisenhauskinder singen es zum Christfest. 1819 wird es öffentlich bekannt. Ein Mitarbeiter, Heinrich Holzschuher, erweiterte es um einige Verse und dichtet es gleich noch als Oster- und Pfingstlied weiter.

Johann Daniel Falk half nicht nur den Kindern, er wurde vielen Menschen in den dramatischen Kriegswirren zum Helfer und Retter von Leib und Leben. Die Stadt Weimar ehrt den gebürtigen Danziger als Ehrenbürger. Am 14. Februar 1826 schloss Johann Daniel Falk für immer die Augen. Auf seinem Grab, zum dem immer wieder viele Touristen strömen, auf dem historischen Friedhof in unmittelbarer Nähe der Goethe- und Schillergruft, stehen die von ihm selbst gedichteten Worte: "Unter diesen grünen Linden, / ist durch Christus frei von Sünden, / Herr Johannes Falk zu finden. / Kinder, die aus deutschen Städten / diesen stillen Ort betreten, / sollen fleißig für ihn beten: / Ew'ger Vater dir befehle / ich des Vaters arme Seele / hier in dunkler Grabeshöhle! / Weil er Kinder angenommen, / lass ihn einst zu allen Frommem / als dein Kind auch zu dir kommem!

So wurde ein wenig bekannter Zeitgenosse Goethes in Weimar, ein Freund und Helfer der Kinder, weil er selbst Jesu Liebe in seinem schweren Leben erfahren hat. Mit Falk singt die Christenheit alle Jahre wieder und dankbar gern: "O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit ..."

Wolfgang Kerst

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 51 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 19.12.2003

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