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Die DIN-Norm für den Heiligen Abend

Für keinen Tag des Jahres gibt es so viele Rituale wie für den 24. Dezember

Magdeburg (mh) -Kein Tag im Laufe des Jahres hat in Deutschland ein so reiches und allgemein verbreitetes Brauchtum, wie der 24. Dezember, der Heilige Abend. Es gibt so etwas wie eine "DIN-Norm" für diesen Tag: Die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium und die Krippe, der Weihnachtsbaum und die Geschenke, das Glöckchen, das zur Bescherung ruft, und die Würstchen mit Kartoffelsalat, nennt der Hildesheimer Theologe Guido Fuchs als feste Bestandteile des Rituals. Fuchs ist ein Heiligabend-Experte. In einer breit angelegten Umfrage hat er das Brauchtum untersucht. Was er herausgefunden hat, präsentiert er zusammen mit seiner Frau Monika, ebenfalls Theologin, in einem unterhaltsamen Vortrag mit Literatur- und Briefauszügen und weihnachlicher Musik. Zu erleben waren beide jetzt in Magdeburg auf einer Veranstaltung der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB).

Die Feier von Heiligabend als Vorabend von Weihnachten hat ihren Ursprung im Judentum. Dort beginnt jedes Fest am Abend zuvor. Bis ins 20. Jahrhundert hinein diente der Heiligabend von diesem Hintergrund der Vorbereitung auf das Fest. Das zeigt sich nicht nur in der geistlichen Einstimmung, sondern auch ganz praktisch -an der erhöhten Hausarbeit am Vormittag.

In der katholischen Tradition war der Tag bis 1966 außerdem ein Fast- und Abstinenztag, der mit dem Bußgedanken verbunden war. Das Fasten wurde bis zur Christmette gehalten, die damals frühestens um Mitternacht gefeiert werden durfte. Diesem Ideal stand teilweise eine andere Wirklichkeit gegenüber. Die zunehmenden Klagen über den Zustand der mitternächtlichen Gottesdienst-Besucher führten zu einer Verlegung der Feier auf den frühen Morgen oder den Vorabend. Denn so mancher hatte sich die Zeit des Wartens auf das Christkind mit Alkohol verkürzt, was im Extremfall dazu führte, dass die Stimme des einzigen nüchternen Mannes in der Kirche vom Gejohle erstickt wurde und er vor Lärm nicht sprechen konnte, wie es in einem Bericht aus dem 18. Jahrhundert heißt.

In das familiäre Zuhause kam der Heiligabend im 18. / 19. Jahrhundert. Der Ursprung der bis heute üblichen Feier ist eine häusliche Andacht mit Schriftlesung, Gesang und Gebet, wie sie in pietistischen Kreisen gepflegt wurde. Diesen Hausgottesdienst leitete der Hausvater und im Mittelpunkt stand die Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums, die mit den Worten beginnt: "Es begab sich aber zu jener Zeit ....". Sie gehört heute so sehr zu diesem Abend, dass sie auch in nicht religiösen Büchern veröffentlicht ist.

Im evangelischen Raum verdrängte die häusliche Feier weitgehend den Gemeindegottesdienst, aber auch in der katholischen Tradition ist eine entsprechende Feier zur "häuslichen Erbauung" erwünscht. "Die Familie feiert Weihnachten am Heiligen Abend", heißt es im Gotteslob (Seite 206).

Das Weihnachtssymbol schlechthin ist der geschmückte Baum. Im 16. / 17. Jahrhundert taucht er in den Zunftstuben auf, später bei wohlhabenden Familien. Seine allgemeine Verbreitung begann während der Weihnacht im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71), als er in den Lazaretten und Unterständen weihnachliche Stimmung verbreiten sollte.

Die Weihnachtsgeschenke haben teilweise eine sehr alte Tradition. Drei Geflogenheiten werden heute mit ihnen verbunden: Einmal der seit der Antike übliche Brauch, den Bedürftigen etwas zu geben, der heute in den Kollekten der kirchlichen Hilfswerke zu Weihnachten fortlebt, zum anderen die zu Neujahr üblichen kleine Dankesgaben an Mitarbeiter oder Dienstleister (heute beispielsweise in Form eines Trink- oder des Weihnachtgeldes). Und schließlich ist der Brauch, Kindern am Nikolaustag Geschenke zu machen, auf das Weihnachtfest gewandert. Zum ausgesprochenen Geschenkefest wurde Weihnachten in der Biedermeier- Zeit.

Dass es im Heiligabend- Brauchtum manche Veränderungen gibt, hat Fuchs auch bei seinen Umfragen festgestellt. Im Osten Deutschlands beispielsweise bestehe dieser Abend bei vielen nur noch aus Geschenken und Fernsehen. Ein Festhalten an den traditionellen Ritualen um der Rituale willen, findet Fuchs nicht gut. Wichtig sei es, das Eigentliche an Weihnachten wieder zu entdecken. Und dann kann das gemeinsame Schmücken des Baums oder das Auspacken der Geschenke erst am ersten Feiertag eine Hilfe sein, dass Weihnachten nicht schon vorbei ist, ehe es begonnen hat.

Mehr Informationen gibt es im Buch:

Guido Fuchs,
Heiligabend. Riten, Räume, Requisiten;
Verlag Friedrich Pustet,
Regensburg 2002,
ISBN 3-7917-1809-6;
Preis: 19,90 Euro

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 51 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 19.12.2003

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