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Jeder kann seinen Platz finden

Das Erfurter Christophoruswerk hilft behinderten Menschen, ihr Leben selbstständig zu führen

Ordnung muss sein: Mit einer Maschine reinigt Uwe Brandt die Flure des Christophoruswerkes.

Erfurt -Für Uwe Brandt beginnt der Tag, wenn sich andere nochmal umdrehen. "Um halb fünf ist die Nacht vorbei", sagt er mit einem triumphierenden Lächeln, als hätte er sich selbst besiegt. Dann waschen, anziehen, frühstücken und ab geht die Post. Uwe Brandt fährt täglich um 6.30 Uhr mit dem Bus von Erfurt-Bischleben ins Christophoruswerk an der Walter-Gropius- Straße, wo er arbeitet.

Hier befinden sich die gleichnamigen geschützten Werkstätten für Behinderte, die in gemeinsamer Trägerschaft von Caritas und Diakonie betrieben werden -rund 180 Menschen mit Behinderungen arbeiten hier. Uwe Brandt ist in der Hauswirtschaft tätig. Stolz erklärt der 52- Jährige die Reinigungsmaschine, die er Tag für Tag über die breiten Flure der Einrichtung schiebt. Eine Arbeit, die ihm Spaß macht und die ihm das Gefühl gibt, gebraucht zu werden. Uwe Brandt ist fast so lange dabei, wie es das Christophoruswerk gibt, vorher hat er 13 Jahre lang in einem Erfurter Pflegeheim als Hilfsheizer gearbeitet.

Heute bewohnt er sogar eine eigene kleine Wohnung in Erfurt- Bischleben, in die er 1999 eingezogen ist. "Der schönste Tag in meinem Leben", verkündet Uwe Brandt. Hier ist er sein eigener Herr, kann in Ruhe seinem Hobby -eine Modelleisenbahn -nachgehen, und auch mal die Musik lauter drehen. Aber: Allein zu leben bedeutet auch mehr Verantwortung. Sein Geld muss sich Uwe Brandt selber einteilen, einkaufen gehen ist für ihn kein Problem mehr und sogar um seine Wäsche kümmert er sich. "Hab ich alles im Christophoruswerk gelernt", sagt er stolz. Wenn es mal nicht gut so klappt, kann er noch seinen Betreuer fragen.

Keine Frage: Trotz seiner geistigen Behinderung hat sich Uwe Brandt gut entwickelt, findet auch die Sozialpädagogin und diplomierte Betriebswirtin Isabel Otto, die die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Christophoruswerk tagsüber betreut und ihre Ansprechpartnerin ist. Dabei hat es mit ihm zunächst gar nicht so gut ausgesehen. Uwe Brandt erzählt, wie er mit knapp sieben Jahren von zu Hause weg und von einem Heim ins andere musste: Klostermühle zum Beispiel, Bad Berka oder Siegesmühle. Keiner hat ihm erklärt, warum. Gut kann er sich noch an seinen Vater erinnern, der Glasbläser war, ihn ab und zu mal besuchte und sogar mal auf einen Elektrokarren mitgenommen hat.

In der Schule war es von Anfang an schwierig -Lesen und Schreiben hat Uwe Brandt gelernt, aber in der siebten Klasse ist er nicht mehr mitgekommen. "Chemie hab ich einfach nicht begriffen", erinnert er sich heute rückblickend. Trotzdem hat er immer Glück gehabt. Zwar hat er keinen Beruf lernen können, aber in sozialen Einrichtungen Arbeit gefunden. Dann kam der Zusammenbruch: Von 1969 bis 1972 war Uwe Brandt in der Psychiatrie in Mühlhausen, hat sich erst später wieder gefangen.

Heute führt er ein weitgehend selbstständiges Leben. Ein Grundanliegen der Arbeit des Christophoruswerkes, wie Isabel Otto versichert. Menschen mit Behinderungen sollen nicht nur betreut und beschäftigt werden, sondern auch ein Leben in Würde mit der entsprechenden Lebensqualität führen können. Kreativkurse, Theaterprojekte oder gemeinsame Freizeitveranstaltungen gehören deshalb ebenso wie die Arbeit zum Alltag der Einrichtung. Im Haus, wo er wohnt, hat Uwe Brandt einen Freund gefunden, mit dem er ab und zu mal Kaffee trinkt oder einkaufen geht und mit dem er "wahrscheinlich" auch den Silvesterabend verbringen wird.

Was er sich noch vorstellen könnte, ist eine neue Arbeit in der Küche des Christophoruswerkes. Uwe Brandt berichtet auch von Höhepunkten aus seinem Leben. Sehr bewegend war für ihn die Wende 1989, als Mauer und Stacheldraht fielen. Wie viele ist er damals losgezogen und hat den Westen besucht, sich die Geschäfte und die bis dahin fremden Städte angesehen. "Das erste, was ich mir gekauft habe, ist ein Radio für 60 Mark. Da war das Begrüßungsgeld fast weg", sagt er.

"Ein bisschen mehr könnte er manchmal für sich tun", ist die Sozialpädagogin Isabel Otto überzeugt. Sport treiben, den einen oder anderen Kurs besuchen oder Abende auch mal mit anderen verbringen. Gelegenheiten gebe es in Erfurt genug, zum Beispiel beim Verein Lebenshilfe, der sich auch um die kümmert, die alleine sind.

Uwe Brandt zeigt aber, dass Menschen mit Behinderungen ihren Platz im Leben finden können. Dazu bieten die Christophorus- Werkstätten Erfurt vielfältige Arbeitsmöglichkeiten. In den Werkstätten werden Produkte hergestellt oder weiterverarbeitet und kundenorientierte Dienstleistungen erbracht. Kunsthandwerke, Reinigungsund Wäschedienste und Gartenpflege gehören ebenso dazu wie Malerarbeiten, Elektronik-Recycling, EDV- und Büroservice. Zudem betreibt die Einrichtung einen Werkstatt-Laden in Erfurt.

Andreas Schuppert

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 50 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 11.12.2003

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