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Bistum Erfurt

Ein Mann der offenen Worte

Im Rahmen der Adveniataktion besuchte der argentinische Erzbischof Giaquinta das Bistum Erfurt

Zu Gast: Erzbischof Giaquinta (Zweiter von rechts) steht Journalisten Rede und Antwort. Rechts: Domkapitular Christoph Hübenthal, im Bistum für die Weltkirche zuständig.

Erfurt (bip / jak ) -Erzbischof Carmelo Giaquinta gilt als Mann des Ausgleichs, aber er scheut keine offenen Worte, wenn es gilt, Missstände in seiner Heimat Argentinien anzuprangern. Das hat ihm nicht nur Freunde eingebracht. Vom 4. bis 7. Dezember war der Erzbischof in Erfurt, Weimar und Effelder zu Gast, um von den Menschen und der Situation in Argentinien zu erzählen. Die Reise erfolgte anlässlich der Aktion "Gottes Wort lebt! Durch dich", die das katholische Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat am ersten Advent in Stuttgart eröffnete.

Die Kirche gibt den Verlierern eine Stimme

Im November 2002 trat Erzbischof Carmelo Giaquinta sein bislang schwerstes Amt an. Er war zum Vorsitzenden der Bischöflichen Kommission für Sozialpastoral gewählt worden. Gut ein halbes Jahr nach der großen Wirtschaftskrise waren weite Teile der Bevölkerung Argentiniens in die Armut abgerutscht, jedes dritte Kind litt inzwischen an Unterernährung, im gesamten Land schwelten soziale Konflikte. Der Kirche kam die Aufgabe zu, den Verlierern der Krise eine Stimme zu verleihen und einer gerechten Entwicklung des Landes den Boden zu bereiten.

Die Wahl Giaquintas hat sich als ein Glücksgriff erwiesen. Der Erzbischof ist zu einem wichtigen Mittler zwischen den gesellschaftlichen Polen geworden. Ihm gelingt es, Missstände wie die soziale Verantwortungslosigkeit der Eliten offen anzuprangern, ohne die Tür zum politischen Dialog zu verschließen. Dabei ist Giaquinta alles andere als ein Populist, der auf einfache und öffentlichkeitswirksame Lösungen setzt. Immer wieder mahnt er seine Landsleute, den Heilsversprechen der Politiker zu misstrauen und sich nicht der Illusion hinzugeben, die Misere sei mit einem neuen Mann an der Regierung gelöst.

Die Ursachen der Krise -Korruption, Machtmissbrauch und Missachtung der demokratischen Grundwerte -müssten bekämpft werden, nicht deren Symptome. Alle Argentinier sollten sich aktiv an der politischen Willensbildung beteiligen und selbst Verantwortung übernehmen, fordert der Erzbischof.

Glaube und soziale Aktion sind für Giaquinta nicht voneinander zu trennen. "Wir können keine Botschafter des Himmels sein, wenn wir die Erde fliehen", unterstreicht er die gesellschaftliche Verantwortung der Kirche. Die Aufgaben der Sozialpastoral in Argentinien vergleicht Giaquinta mit einem Baumstamm mit drei Ästen: Zeugnis der Nächstenliebe geben, soziale Verantwortung anregen und den politischen Dialog fördern.

Seit 1993 leitet der heute 73- Jährige die Erzdiözese Resistencia in einer der ärmsten Regionen Argentiniens. In der ländlich geprägten Diözese sind die Folgen der Wirtschaftskrise besonders deutlich zu spüren. Seitdem die Industrie sich weitgehend aus der Region zurückgezogen hat, leben die Menschen vorwiegend vom Anbau von Zuckerrohr, Soja und Baumwolle. 80 Prozent der Bevölkerung sind Kleinbauern. Die prekäre Lebensmittellage, ständige Landkonflikte und soziale Auseinandersetzungen haben das politische Profil von Erzbischof Giaquinta zusätzlich geschärft. Wiederholt bezog der Erzbischof deutlich Stellung zugunsten der Land- und Besitzlosen, wobei er auch heftige Auseinandersetzungen mit den örtlichen Behörden nicht scheute. Giaquinta hat sich insbesondere als Förderer der zwei großen Laienverbände Resistencias, ../../incupo und Endepa, verdient gemacht. Gemeinsam bilden die beiden Organisationen ein wichtiges Sprachrohr für die weitgehend verarmte Landbevölkerung Argentiniens.

Trotz reicher Ernte verhungern die Menschen

Zur aktuellen politischen Situation betonte der Erzbischof, in Argentinien sei es zwischen 1930 und 1990 zu einer Haltung gekommen, dass der Staat alles leisten und an den jeder seine Forderungen stellen könne. Als alle Reichtümer aufgebraucht waren, blieb nichts übrig. Der Verkauf der Staatsbetriebe brachte nicht den erwarteten Gewinn, sondern erhöhte die Staatsdefizite. In diesem Jahr habe es mit 300 Millionen Tonnen Weizen die größte Ernte gegeben -und doch hungerten die Menschen.

Das katholische Hilfswerk Adveniat unterstützt in seiner Diözese den Ankauf von Fahrzeugen, die Seelsorge in den ländlichen Gebieten möglich machen, weitere Beihilfen bekommen Gemeinden für Kapellen oder Säle, in denen sich die Leute quasi unter dem Dach der Kirche treffen können. Besonders bedankte sich Erzbischof Giaquinta bei den Deutschen, die Adveniat durch ihre zahlreichen Spenden besonders unterstützen. Die sei auch ein Zeichen der Dankbarkeit, da Argentinien einst auch Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg mit Lebensmittelspenden geholfen habe.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 50 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 11.12.2003

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