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Europa ist auf einem guten Weg

Die Verständigung der Völker auf dem alten Kontinent war Thema der "Zwochauer Gespräche"

Gemeinsam auf dem Weg zu einem geeinten Europa: Christen aus Dresden und Usti nad Labem (Tschechien) stellten sich mit einem Lied in Zwochau vor.

Zwochau -"Die Ursache des europäischen Niederganges ist politisch, nicht biologisch. Europa stirbt nicht an Altersschwäche, sondern daran, dass seine Bewohner einander mit den Mittel moderner Technik totschlagen und zugrunde richten." Der Gründer der Paneuropa-Union, Richard N. Coudenhove-Kalergi, schrieb dies 1923 auf dem Hintergrund der Erfahrungen des Ersten Weltkrieges. Nichts ahnend, dass das nur ein Vorspiel dessen war, was noch kommen sollte -Krieg, Vernichtung, Hass bestimmten lange das Leben auf dem alten Kontinent.

Und heute? Wie kann das Leben zwischen den Völkern gelingen, wie können sie friedlich zusammenleben? Das war das Thema einer Tagung, zu der unlängst das Fokolare-Zentrum in Zwochau bei Leipzig eingeladen hatte. Und die internationale Beteiligung zeigte, dass das Zusammenleben der Völker in einem geeinten Europa der Freiheit vielen Menschen ein Anliegen ist.

Europa ist mehr als Brüssel, der Euro oder der wirtschaftliche Aufschwung -es bedeutet kulturelle Vielfalt, ein großer Reichtum an Traditionen und geschichtlichen Erfahrungen. In Zwochau stellte sich eine Gruppe von deutschen und tschechischen Christen vor, die seit vielen Jahren partnerschaftliche Beziehungen unterhalten. Die Teilnehmer erfuhren zudem etwas über internationale Jugendprojekte -und sogar ein katalanisches Ehepaar war gekommen, das von der wechselvollen Geschichte, den Schwierigkeiten, aber auch vom Stolz ihres kleinen Volkes im Norden Spaniens berichtete.

Bernhard Zolyniak kommt aus Poznan in Polen. Der gelernte Literaturwissenschaftler organisiert und betreut seit Jahren Projekte mit Jugendlichen, mal in Deutschland, in Polen oder Russland. Seine Erfahrung ist, dass es zwischen den Bewohnern dieser Länder immer noch viele Vorurteile gibt, die sich über Jahrzehnte, über Jahrhunderte festgesetzt haben -"Besonders ist das auch unter den Jugendlichen zu spüren", weiß Zolyniak. Was muss sich verändern? Der Pole, dessen Land im nächsten in die Europäische Union aufgenommen wird, überlegt eine Weile. "Es ist wichtig, Kinder und Jugendliche schon früh an die gemeinsamen Werte und Wurzeln, die die europäischen Völker haben, heranzuführen", sagt er. Zolyniak lehnt eine Beschränkung auf die wirtschaftliche Entwicklung in Europa ab. "Die Menschen müssen das, was sie tun, mit Leidenschaft tun."

Für den Berliner Philosophen Walter Pfannkuchen reicht dies nicht aus. Um ein friedliches Zusammenleben in Europa dauerhaft zu sichern, braucht es gemeinsame moralische Grundlagen, die von jedem, der hier lebt, anerkannt werden können. Europa ist zwar wesentlich vom Christentum geprägt, aber immer mehr Menschen kehren dem Christentum und den Kirchen den Rücken. Deshalb favorisiert Pfannkuchen den "kategorischen Imperativ" des Philosophen Immanuel Kant, nach dem jeder so leben solle, dass sein Handeln als Gesetzgebung für andere gelten könne.

Dennoch waren sich die Teilnehmer in Zwochau darüber einig, dass es auch moralische Institutionen geben müsse, die Fehlentwicklungen aufzudecken imstande sind. Europa sei nicht nur ein politisches oder moralisches Gebilde -die Menschen müssen zu einem aufrichtigen Miteinander kommen. Das sei ein schmerzlicher Prozess, der von Toleranz und Dialogbereitschaft geprägt sein wird.

Kritik gibt es also genug. Der Präsident der Hilfsorganisation "Kirche in Not / Ostpriesterhilfe", der Schweizer Theologe und Journalist Hans-Peter Röthlin, warnte vor einem "europäischen Zentralismus", bei dem alle wichtigen Entscheidungen in Brüssel getroffen würden und die kleinen Völker nur wenig Mitspracherecht hätten. Das europäische Miteinander kann nur funktionieren, wenn auch die kleinen Staaten mit Stolz ihre nationale Identität erhalten können, ist Röthlin überzeugt. Die Tagung in Zwochau zeigte somit, dass Europa noch nicht am Ziel, aber auf einem guten Weg ist.

Andreas Schuppert

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 49 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 04.12.2003

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