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Aus der Region

"Der Schnellere frisst den Langsamen"

Die Sonntagsarbeit ist kein Tabu mehr

Flexibilität gefragt? Der Promenaden-Mananger des Leipziger Bahnhofs Thomas Sänger (links) plädiert für die Sonntagsarbeit. Rechts: Moderator Tobias Mindner.

Leipzig (as) -"Panta rhei" -Alles fließt. Mit diesen Worten des griechischen Philosophen Heraklit eröffnete der Weimarer Journalist Tobias Mindner eine Podiumsdiskussion, zu der die Katholische Studentengemeinde in Leipzig am 27. November in das Forum für Zeitgeschichte der Messestadt eingeladen hat. Der Ort war bewusst gewählt, denn hier ist zurzeit eine Sonderausstellung über die Geschichte des Sonntags zu sehen. Der Sonntag als Tag der Ruhe, der Familien, als arbeitsfreier Tag war dann auch das Thema der Diskussion, zu der die Veranstalter Vertreter aus Kirche, Verwaltung, Wirtschaft und Gewerkschaft eingeladen hatten.

Heraklit lässt sich mit einiger Fantasie auch freier übersetzen: Alles fließt, alles schwimmt oder alles geht den Bach runter. Neue Lebensformen brechen sich Bahn, alte Konventionen werden in Frage gestellt. Der Sonntag als ein freier Arbeitstag steht seit längerem zur Disposition -eine große Kaufhauskette klagt schon vor dem Bundesverfassungsgericht gegen das Verbot der Sonntagsarbeit.

Der Manager der Bahnhofspromenaden in Leipzig, Thomas Sänger, macht kein Hehl daraus, wo die Reise hingehen soll. Leipzig müsse sich international profilieren: Die Fußball-Weltmeisterschaft stehe an, die Stadt bewerbe sich um die Olympischen Spiele. Das erfordere Flexibilität. Für die wirtschaftliche Situation in Deutschland hat der Manager Kategorien tierischer Nahrungsaufnahme parat: "Der Schnellere frisst den Langsamen" -deutlicher kann man den Konkurrenzkampf auch im Einzelhandel nicht ausdrücken. Sänger: "Wer sich ausschließt, wird auf der Strecke bleiben". Öffnungszeiten am Sonntag erhöhten zudem die Einnahmen.

Falsch, hält Bernhard Krabiell von der Gewerkschaft Verdi in Leipzig dagegen. Für die Sonntagsarbeit im Handel bestehe keine wirtschaftliche Notwendigkeit. Es finde lediglich ein Verdrängungswettbewerb statt, der den großen Handelsketten einen Wettbewerbsvorteil verschaffe, da sie über die nötigen finanziellen und personellen Ressourcen verfügten. Zudem schaffe dies keine neuen und gefährde obendrein die stabilen Arbeitsplätze, ist der Gewerkschafter überzeugt. "Das werden vor allem die Frauen auszubaden haben, die als Verkäuferinnen gewissermaßen jederzeit abrufbereit sein müssen. Das Familienleben wird schwer beeinträchtigt."

Der Leipziger Dominikanerpater Gerfried Bramlage scheint über die Ausführungen der Wirtschaftsvertreter entsetzt: "Wollen wir die Attraktivität Leipzigs nur am Einkauf messen oder gibt es nicht auch andere attraktive Angebote in der Stadt". Damit scheint der Pater vielen der Besucher aus dem Herzen zu sprechen: Die Diskussion um die Sonntagsruhe wird auf die Wirtschaftlichkeit reduziert. Der Historiker Ulrich von Hehl (siehe auch das Interview) befürchtet vor allem das Schlimmste für die Familien, wenn das Verbot der Sonntagsarbeit generell abgeschafft wird. "Es ist wichtig, dass die Menschen einen Tag in der Woche Zeit füreinander haben. Am Sonntag habe ich das dringende Bedürfnis, die Dinge etwas langsamer anzugehen."

Wenn die Diskussion im Zeitgeschichtlichen Forum eins gezeigt hat, dann dies, dass sich unversöhnliche Standpunkte gegenüberstehen. Und es steht zu befürchten, dass auch hier der "Schnellere den Langsamen" frisst. Pater Gerfried Bramlage verbindet den Streit mit einer grundsätzlichen Frage: "Wie wollen wir den Sonntag gestalten", was bedeutet: "Wie wollen wir unser Leben gestalten?"

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 49 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 04.12.2003

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