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Bistum Magdeburg

Wachsende Armut -und kein Ausweg?

Liga der Wohlfahrtspflege fordert politische Konsequenzen / Armuts- und Reichtumsbericht

Magdeburg (epd/tdh) -Die Liga der Freien Wohlfahrtspflege in Sachsen-Anhalt hat angesichts zunehmender Verarmung im Land politische Konsequenzen gefordert. Der wachsenden Armut könne nur mit größerer staatlicher Unterstützung von Familien begegnet werden, sagte Wolfgang Schuth vom Vorstand der Liga zum Abschluss einer Fachtagung des Verbandes zum Thema "Arme haben (k)eine Lobby" am 19. November vor Journalisten in Magdeburg. Die von der Bundesregierung geplanten Sozialreformen allein würden "nicht helfen, aus der Misere herauszukommen" und den Zuwachs an Sozialhilfeempfängern und Armut in Sachsen-Anhalt einzudämmen. "Der Verschiebebahnhof aus der Sozialhilfe in die Grundsicherung für Arbeitslose wird an dieser Tatsache für die Betroffenen nichts ändern."

Schuth zufolge leben in Sachsen- Anhalt 82 000 Kinder in armen Familien. Als Folge litten diese Heranwachsenden unter Lern- und Verhaltensstörungen und einem höheren Gesundheitsrisiko, beklagte Schuth, der auch Geschäftsführer des Landesverbandes der Arbeiterwohlfahrt ist. Zudem würden sie häufiger als sozial besser gestellte Kinder die Schule vorzeitig abbrechen. In der Bildungspolitik müssten sozial Benachteiligte stärker berücksichtigt und Widersprüche beseitigt werden, so Schuth. So müssten Eltern für die Betreuung ihrer Kinder in Tagesstätten Gebühren entrichten, während an Hochschulen keine Studiengebühren verlangt würden.

Ministerialdirigent Winfried Reckers vom Ministerium für Gesundheit und Soziales räumte die hohe Armtusgefährdung von Familien, Alleinerziehenden, Kindern und Jugendlichen sowie künftig auch Senioren ein. Im Blick auf Maßnahmen durch das Land verwies Reckers auf die derzeit im Vermittlungsausschuss auf Bundesebene laufenden Verhandlungen, deren Ergebnisse erst abgewartet werden müssten. Einzelne Aspekte des Armutsberichtes würden aber aufgegriffen.

Angesichts fehlender politischer Konsequenzen aus dem im April vorgelegten Armuts- und Reichtumsbericht bot die Liga der Landesregierung an, einen Beirat zur Umsetzung der Erkenntnisse etwa hinsichtlich der Arbeit mit Schulabbrechern, in der Familienbildung oder bei der Beratung von Schuldnern einzurichten. Der Untersuchung zufolge liegt die Armutsrate in Sachsen- Anhalt mit 18 Prozent ein Prozent über dem Durchschnitt der neuen Bundesländer insgesamt. Etwa jeder zehnte Haushalt ist überschuldet. Der Bericht stellt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der hohen Arbeitslosigkeit und dem Entstehen von Armut her. Zudem weist er nach, dass etwa ein Drittel des Bevölkerungsverlustes seit 1990 massiven Abwanderungen von hochqualifizierten jungen Menschen in andere Bundesländer geschuldet ist. Wirkliche Auswege aus der Misere weise der nicht veröffentlichte Empfehlungsteil des Berichts allerdings nicht auf, so der Vorsitzende der Stiftung "Familie in Not" Sachsen-Anhalt, Norbert Bischof.

Der Untersuchung zu Grunde lagen überwiegend Angaben von 1998. Die Studie lehnt sich an den im Mai 2001 veröffentlichten Bundesbericht an. Als arm gelten unter anderem Personen, die über weniger als 796 Euro Einkünfte im Monat verfügten.

Der Liga der Freien Wohlfahrtspflege gehören sieben soziale Spitzenverbände, darunter auch Caritas und Diakonie an. An der Tagung nahmen rund 40 Vertreter von Sozialverbänden, Kommunen und Behörden teil.

Armuts- und Reichtumsbericht:
www.empirica-institut.de
unter Publikationen, Downloads

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 48 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 01.12.2003

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