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Aus der Region

Glaube und Ethik als Schutz

Gastbeitrag zur Bioethik-Debatte

Man kann sich fragen, ob mit den vielfältigen Problemen, die zurzeit in der Gesellschaft diskutiert werden, noch einmal eine neue Schwelle der Technisierung unserer Gesellschaft erreicht ist. Vieles wird zum Beispiel im Blick auf die ersten Stadien menschlichen Lebens gegenüber früheren Zeiten enttabuisiert. Menschliche Embryonen sollen in der Stammzellforschung für medizinische Zwecke verbraucht werden dürfen, kranke Embryonen in der Präimplantationsdiagnostik verworfen werden können. Das Können der Medizin hat sich so weit entwickelt, dass der Mensch selbst zu einer Art Ressource für Medikamente werden könnte. Wird er als ein verfügbares Gut verstanden?

Die Fragen der so genannten Biotechnologie betreffen aber letztlich eine Ethik des Lebens. Es geht darum zu bestimmen, was die wirklichen Ziele unseres Lebens sein sollen: Gesundheit um jeden Preis? Gesundheit vor allem für die Starken? Oder Achtung menschlichen Lebens gerade in seiner Zerbrechlichkeit? Wahrung seiner Unantastbarkeit gerade in den Phasen seiner ersten Entwicklung und in seinen Krisen bis hin zu Sterben und Tod? Das unbedingte Vertrauen in den Segen, den die Technik in vielen Bereichen für den Menschen gebracht hat und immer weiter bringen wird? Oder auch die Akzeptanz der Grenzen menschlicher Manipulation aus ethischen Überlegungen heraus, die daran erinnern, dass menschliches Leben nicht instrumentalisiert werden darf?

Es wäre sicherlich zu einfach, wenn Christen, die sich auf die größere Macht Gottes verwiesen wissen, alle die modernen technischen Interessen und Anliegen lediglich als Ausdruck einer grenzenlosen Freiheits- und Machtgier des Menschen deuten wollten. Das Schwierige an der gegenwärtigen Diskussion ist ja gerade, dass tatsächlich ganz konkrete Ziele der Heilung von Menschen, der Linderung von Leid hinter diesen Anliegen stehen. Nicht eine Ideologie der Rassen, die dann auf konkrete gesundheitstechnische Projekte angewendet wird, sondern die Begleitung und medizinische Betreuung konkreter Menschen ist der Ausgangspunkt solcher Suchbewegungen und Entwicklungen.

Trotzdem kann nicht übersehen werden, dass aus der Sicht des Glaubens eine technische Entwicklung, die sich nur auf unmittelbare Nutzenerwägungen stützt, eine neue Qualität von Säkularisierung und Instrumentalisierung des Lebens darstellt. Vielleicht sind wir an einem Punkt angekommen, an dem gegenüber den eher materialistischen Tendenzen der vergangenen Jahrzehnte die humanisierende Bedeutung der Ethik und des Glaubens deutlich wird.

Sicher: Der Mensch muss heute in vielem bewusst über sein eigenes Leben verfügen, weil er technisch dazu im Stande ist. Und diese Entwicklung selbst ist nicht einfach Ausdruck eines titanischen Sündenfalls, sondern konkrete Sorge für den Menschen an den harten Konflikten der Natur entlang. Doch die moralischen Grenze, menschliche Lebewesen - ganz gleich auf welcher Stufe der Entwicklung sie sich befinden oder in welchem Grad des Zerfalls - nicht für Zwecke zu nutzen, die mit ihrem eigenen Leben nichts zu tun haben, ist keine unwesentliche Bagatelle.

Zusammen mit dem Verbot, menschliche Lebewesen gezielt zu töten, markiert sie aus der Sicht des Glaubens die Unverfügbarkeit menschlichen Lebens. Diese Unverfügbarkeit stellt einen Schutz für den Menschen dar, weil sie ihm die Annahme und Zuwendung durch die menschliche Gemeinschaft sichert, die von keiner Vorleistung oder einem zufällig gegebenen Umstand (wie genetische Gesundheit oder Krankheit) abhängig gemacht wird. Sie hilft, an den Sinn des fremden wie des eignen Lebens zu glauben und auf ihn auch in schweren Belastungssituationen zu vertrauen.

Die Grenze, die solche moralischen Überlegungen anzeigen, zu respektieren, hat nichts mit Feindlichkeit gegenüber der Technik zu tun. Sie macht nur deutlich, dass das technische Tun eine "kulturelle Umwelt" braucht, damit es tatsächlich dem Menschen dient. Moralische Vorstellungen sollen Forschung nicht verhindern, aber können helfen, sie menschlich zu strukturieren und zu gestalten. Die Behauptung, hier ginge es um Alternativen - technischer Erfolg oder Leid bringender Verzicht - ist so ganz sicher falsch.

Josef Römelt, Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Erfurt

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 23 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 07.06.2001

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